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(c) Peter Hönnemann

Klaus Doldinger

Rockjazz und Film

Er komponierte die Tatort-Titelmelodie und Hunderte von Filmmusiken. Seine Band „Passport“ ist die dienstälteste deutsche Rockjazzformation, er selbst der erfolgreichste deutsche Jazzmusiker. Am 12. Mai wird Doldinger 80.

Wer etwas kann, hat Klaus Doldinger schon vor Jahrzehnten erklärt, setzt sich irgendwann durch. Verkannte Genies gibt es nicht. „Die Möglichkeiten, mit Kunst Geld zu verdienen, sind gegeben, wenn jemand seine Sache kontinuierlich, konsequent und anspruchsvoll betreibt.”
Die Maler Georg Baselitz, A. R. Penck und Gerhard Richter, Freunde aus Klaus Doldingers Düsseldorfer Tagen, in denen er noch mit den „Feetwarmers” jazzte und gerade erst sein Tonmeisterstudium absolviert hatte, sind ihm ein Beispiel: Sie setzten sich am Kunstmarkt durch. „Ich habe das Glück”, sagt er stolz, „kleinere Werke von ihnen zu besitzen.” Damals in Düsseldorf, in den 1950ern, waren deren Werke noch erschwinglich.
„Es gab nur wenig Jazzplatten. Wir trafen uns regelmäßig im Düsseldorfer ‚Hot Club‘, und jeder von uns brachte seine Juwelen mit.“ Das waren Platten wie „Birth Of The Cool” von Miles Davis, die neueste Scheibe von Oscar Peterson, Aufnahmen von Charlie Parker – inzwischen zählen sie zu den Klassikern.
In jenen Jahren erspielte sich der Student Klaus Doldinger einen Amateur-Jazzpreis nach dem anderen. Mit „Oscar’s Trio” leitete er erstmals eine eigene Band – den Namen wählte der am Robert- Schumann-Konservatorium ausgebildete Pianist mit Bedacht: Er verweist auf sein Vorbild Oscar Peterson. Klarinette hatte Klaus Doldinger zunächst nur im Nebenfach studiert, dann aber – er verehrte Sidney Bechet – zum Hauptinstrument gemacht.
Seine Laufbahn hatte mit Dixieland begonnen und näherte sich kurzfristig dem Bebop und Cool Jazz. Träumerisch erinnert er sich an „die ganzen Unisono-Themen” und ergänzt: „Es lag aber schon was Neues in der Luft.” Was genau, musste er noch erkunden.

Raus aus dem Elfenbeinturm

Schon damals lockten neben dem reinen Jazz kommerzielle Aufgaben. Der Produzent Siegfried E. Loch, heute Eigentümer von ACT Music und damals Produzent der Plattenfirma Philips, brauchte einen Musical Director für seine Produktionen in Umfeld des Hamburger Star Club. „Wir haben eine Reihe von Projekten durchgezogen”, erinnert sich Doldinger. „Dadurch bin ich von meinem ganz auf den Jazz ausgerichteten Elfenbeinturm zur Einsicht gelangt, wie schön es sein kann, mit Musikern aus einer ganz anderen Ecke zu spielen.” Weil beide eine Ader fürs Kommerzielle haben, veröffentlichte Doldinger unter dem Pseudonym Paul Nero rund ein Dutzend Discs mit eingängigen Melodien und sanften Rhythmen.
Unter eigenem Namen eroberte er 1962 mit „Jazz Made In Germany” – so sein erstes Album – die Szene. Fernsehaufträge – „Ich habe das erst nicht machen wollen, weil ich es mir nicht zugetraut habe” – öffneten ihm Mitte der 1960er Jahre eine weitere Szene. „Über den Film habe ich neue Dimensionen in der Musik kennengelernt. Man stellt an einen Komponisten dramatische Anforderungen, und der hilft einer Handlung auf die Sprünge.”
Weitere Doldinger-Alben folgten – nach Tourneen für das Goethe- Institut unter anderem „The Ambassador”, das schon seine Hinwendung zum Rockjazz ahnen ließ. Danach experimentierte er mit „Doldingers Motherhood”, einer Band mit Rockrhythmen, Elektrosounds und Gesang unter anderem vom Schlagzeuger Udo Lindenberg, und verkündete Weisheiten wie „They destroy – they make our world a broken toy” – ein Zugeständnis an den Zeitgeist. Tiefere Einflüsse hatte das Aufbegehren der „68er“ auf ihn nicht. Ihn interessierte die Musik.
Mit „Passport” ließ Doldinger 1971 die Welt des Deutschrocks hinter sich: Jetzt hatte er seinen Stil gefunden, der ihm sogar bei Tourneen in den USA volle Säle bescherte. Zudem führen nach den Erstlingen der Band vor allem die Passport-Alben „Iguacu” und „Ataraxia” die Verkaufscharts deutscher Jazzproduktionen an.

Der Tausendsassa

Inzwischen hat Klaus Doldinger mit Passport 34 Alben veröffentlicht, allesamt geprägt von seinen markanten Saxofonmelodien, seinem elektronisch nachbearbeiteten Sound und kraftvollen, je nach Produktion von Rock, Latin, Soul und Funk oder auch afrikanischer Musik beeinflussten Rhythmen. Mehr als 5000 Konzerte, Tourneen durch 50 Länder und über 2000 veröffentlichte Kompositionen sind eine stolze Bilanz.
Nicht alles hat er für die Bühne geschrieben. Von ihm stammen auch die Tatort-Titelmelodie sowie unzählige Soundtracks für Tatort-Folgen, die Serien „Vera Wesskamp”, „Hecht & Haie”, „Wolffs Revier”, „Ein Fall für zwei“, „Liebling Kreuzberg”, „Polizeiruf 110“ und Mehrteiler wie „Zwei Väter und eine Tochter”, „Hitler – eine Bilanz” sowie den Spielfilmen „Das Boot“, „Die unendliche Geschichte“ und „Salz auf unserer Haut“.
Möglich ist dieses gewaltige Pensum unter anderem, weil Klaus Doldinger in einem Seitenflügel seines Hauses ein modernes Tonstudio untergebracht hat und einen festen Kreis von Musikern um sich geschart hat: So kann er kurzfristig, flexibel und zuverlässig arbeiten.
Doch diese Aufträge allein füllen ihn nicht aus. „Die Studiositzerei ist auf Dauer nicht vereinbar mit echtem Musikantentum“, entschied er schon in den 1980ern. „Jeder richtige Musiker sollte, wenn es irgendwie geht, hin und wieder vor Publikum spielen.” Dies gilt auch noch in seinem 80. Lebensjahr: Von April bis Juli umfasst der Tourneeplan rund zwanzig Termine. Zudem hat er sich ein schlicht „Doldinger“ genanntes Album zu seinem 80. Geburtstag gegönnt.


Kleine Doldinger-Werkschau

Works & Passion (1955 – 2000) ●●●●●
4 CDs, Aufnahmen mit Feetwarmers, Paul Nero, Motherhood, Passport

Jazz Made In Germany (1964) ●●●●○
Auf dem Weg zum Doldinger-Sound

In Südamerika (1965) ●●●●○
Südamerikanische Rhythmen. Mit Atilla Zoller (Gitarre)

Original Album Series I (1971 – 1976) ●●●○○

Original Album Series II (1977 – 1982) ●●●●○
Je fünf Alben in verkleinerten LP-Covern zum kleinen Preis

Jubilee ’75 (1975) ●●●●○
Kraftvoller Rockjazz. Passport mit Gästen Les McCann, Pete York, Philip Catherine

On Stage (1996 – 2007) ●●●●●
Passport mit/ohne WDR Big Band live

Doldinger (2016) ●●●●○
Passport mit den Gästen Nils Landgren, Max Mutzke, Helge Schneider, Udo Lindenberg


Werner Stiefele, RONDO Ausgabe 2 / 2016



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