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(c) Mathieu Crescence & Pierre-André Weitz

Ritterliche Rasselbande! Hervés „Les chevaliers de la table ronde“

Teatro La Malibran, Venedig

Musiktheaterspaß mit Mittelalter und König Arthurs romantischen Rittern, das ist eigentlich auch abseits von Musicals wie „Camelot“ ein alter Hut, mindestens seit 1866. Das war das Jahr der Uraufführung von „Les chevaliers de la table ronde“, der ersten abendfüllenden Operette des Louis-Auguste-Florimond Ronger (1825–1892), heute nur noch wenigen bekannt als Hervé. Mit diesem Erfolg erreichte die schon länger schwelende Erzfeindschaft mit Jacques Offenbach ihren Höhepunkt, die zum Glück vor allem kreative Funken um die Vorherrschaft auf dem Thron des Unterhaltungstheaters „Bouffes parisiens“ schlug.
Im wahren Leben war der so vergnüglich komponierende Hervé aber übellaunig, nachtragend und neidisch, wie sich in der Einführung zu dem Büchlein „Hervé par lui – même“ nachlesen lässt, das die nimmermüde Musikologen- Equipe der Stiftung Palazzeto Bru Zane herausgegeben hat. Diese Einrichtung lässt ihre Bemühungen zur Wiederentdeckung der französischen Musik des 19. Jahrhunderts inzwischen auch der Operette angedeihen. Für Hervés blechern klapperndes wie frohgemut krakeelendes Werk hat man diesmal sogar eine eigene, gegenüber dem Original clever verschlankte Touring-Produktion samt Highlights- CD konzipiert, denn so sind viel mehr Aufführungen garantiert als sonst.
Was sich bewährt: Die bereits in Frankreich vielfach gezeigte Inszenierung – erste Regiearbeit, des vor allem als Bühnenbildner Olivier Pys bekannten Pierre-André Weitz – war auch zur Karnevalszeit im venezianischen Teatro Malibran ein Hit. Kein Wunder, denn da geht wirklich in atemlosen Wirbel die Mittelalterpost ab. Die Welt ist hier noch konsequent Schwarzweiß – von den geschickt variierten Wänden bis zu den neckischen Kostümen. Die bestens eingespielte Truppe Les Brigands drückt beständig aufs Tempo, in zwei Stunden pausenloser Spielzeit fliegen die espritvollen Szenen wie nix vorbei. Man labt sich an mehr als nur ordentlichem Singsang, vor allem aber an der virtuosen Körpersprache der singenden und spielenden Akteure.
Der mitunter frivole Mix aus keltischem Mythos und italienischem Orlando Furioso hat mehr Cabaret-Beigeschmack als sonst, denn im Graben gebietet der alerte Christophe Grapperon über nur 12 Musiker. Doch das ist schnell vergessen, denn hier wird gnadenlos vorangeeilt, mutig überagiert, und trotzdem klingt so manches Partiturjuwel, wie etwa die lyrische Tenorarie des Roland, klar, rein und schön – bevor die ritterliche Rasselbande mit ihrem erotisierten Klamauk erneut loslegt.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 2 / 2016



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