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Vokal total

von Michael Blümke

Faustina Bordoni ist derzeit groß in Mode. Erst vor wenigen Monaten veröffentlichte Vivica Genaux eine Hommage an die berühmte venezianische Sängerin (siehe „Vokal total“ 1/2013), jetzt zieht roberta invernizzi mit „I viaggi di Faustina“ nach. Doch während Genaux Werke von Händel und Bordoni-Ehemann Hasse präsentierte, spart Invernizzis Programm genau diese beiden aus und konzentriert sich auf die heutzutage weniger populären Zeitgenossen Vinci, Mancini und Porpora. Ein sehr viel abwechslungsreicheres Programm also, und ein entschieden ergiebigeres, anregenderes. Auch und besonders, was die sängerische Seite anbelangt. Eine Sopranistin wie Invernizzi sieht sich in Bordoni-(Mezzo-)Partien nicht mit unbequemen Höhen konfrontiert, allerdings gibt es enorme Anforderungen an die Beweglichkeit und Koloraturfähigkeit. Selbst die großen Intervallsprünge in der hochvirtuosen Nachtigallen-Arie aus Mancinis „Traiano“ meistert sie absolut sauber. Glossa/Note 1

Wie Bordoni stammte auch Benedetto Marcello aus Venedig. Der Spross einer Patrizierfamilie war zwar so etwas wie ein Berufspolitiker, widmete sich aber dennoch zeitlebens sehr intensiv der Komposition. Allein 84 Duetti da camera gehen auf sein Konto, sieben davon finden sich auf einem Konzertmitschnitt aus Brixen vom August 2010 mit Silvia Frigato und Sara Mingardo. Mingardo, die übrigens ebenfalls Venezianerin ist, verströmt wie immer verführerisch samtige Alttöne. Ihre Kollegin allerdings erweist sich, wie wohl technisch nicht zu beanstanden, als monochrom und einfallslos. Zudem verhärtet sich ihr Sopran in der Höhe zunehmend, bekommt dort einen immer unschöneren, penetranteren Klang. Dadurch harmonieren die beiden Stimmen nicht, vermischen sich nicht. Es ist, als würde man Essigessenz statt Balsamico über die Erdbeeren träufeln. Und so wird trotz 1a-Mingardo-Qualität leider kein leckeres Dessert daraus. fra bernardo/Note 1

Nach ihrer Marietta Marcolini gewidmeten CD mit Raritäten des frühen 19. Jahrhunderts (siehe „Vokal total“ 6/2012) kehrt ann hallenbetrg zurück zu ihrem Kernrepertoire, dem Barock. Seltsamerweise entstand „Hidden Handel“ bereits im Sommer 2010, also noch deutlich vor ihrer im vergangenen Jahr als Solodebüt gehandelten Marcolini-Aufnahme. Doch wie dem auch sei, dieses Programm mit Händelschen Alternativarien ist ein wahres Juwel. Obwohl die Schwedin seit vielen Jahren ausnahmslos erstklassige Leistungen bietet, zeigt sie sich hier von der ersten Arie an noch gelöster, noch begeisternder als sonst. Das zieht sich durch die gesamte CD – entspannt und mit selbstverständlicher Souveränität reiht sie eine Perle (musikalisch wie stimmlich) an die nächste. Ihr weicher, schlanker Mezzo hat in diesen zwölf Arien, von denen neun Ersteinspielungen sind, eine ganz besonders cremige Note, führt aber beispielsweise in „Vinto è l‘amor“ aus „Ottone“ auch ihre leichtgängige Agilität vor. naïve/Indigo

Zum Abschluss noch mehr Händel. Alle seine Opern wurden mittlerweile eingespielt, so macht man sich jetzt an seine Pasticci: „giove in argo“ ist das dritte und letzte Werk dieser Gattung, 1739 uraufgeführt. Eigentlich handelt es sich dabei eher um eine abendfüllende Pastorale, weshalb das Werk nicht ganz so zündet wie Händels dramatischer angelegte Opern. Der Hingabe des guten bis sehr guten Solistenensembles (u.a. Ann Hallenberg, Karina Gauvin und Anicio Zorzi Giustiniani) tut dies aber keinen Abbruch. Virgin Classics/EMI

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 3 / 2013



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