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(c) Aleksandra Kawka/Sony

Lubomir Melnyk

Kung fu-Meister des Klaviers

Dieser Pianist ist ein wunderlicher Heiliger, ein Prophet harmonischer Klavierkünste – und bricht alle Rekorde im Schnellspielen.

Ist der Mann noch ganz dicht? „Die Zeit der Bescheidenheit ist um!“, stößt Lubomir Melnyk hervor und muss dabei nicht lachen. „Meine Musik ist so virtuos, dass nur ich sie spielen kann“, sagt er. Denn: „Ich spiele mit Überschallgeschwindigkeit. Die anderen sind zu langsam!“ Eine einzigartige Klaviertechnik hat der Mann, wie er selber meint. Wer die knubbeligen Finger des 67-Jährigen sieht, der im Übrigen wenig Sportlichkeit verströmt, kann sich über dies Selbstbewusstsein nur wundern. Melnyk ist der neueste, seltsamste Heilige an der Tonalen-Front.
Nicht nur der Schnellste nämlich; der Schönste auch. Melnyk gehört den Beauty- Salonisten an, nach Art von Einaudi, Gorecki oder Silvestrov. „Wer ist dieser Silvestrov?“, fragt Melnyk arglos beim Gespräch in Berlin. „Alle reden von ihm.“ Das könnte sich nur zu bald ändern. Melnyk selber, ein Mann des esoterischen Schönklangs und von ausgesprochenem Sehertum, soll – mit der mächtigen Sony im Hintergrund – die Szene der Neotonalen aufmischen.
Ganz unbekannt ist Melnyk längst nicht mehr. Seine zwanzig (!), bei einem Londoner Independant-Label erschienenen CDs wurden bislang nicht unter „Klassik“, sondern unter „Pop/Rock“ einsortiert. „Was?! Sind die verrückt geworden?“, wundert ich Melnyk. „Nur weil es schön klingt …“ In der Tat! Die Musik Melnyks, klassischen Schemata folgend, zeigt bei der Ratlosigkeit, die sie provoziert, wie dogmatisch es immer noch in der Branche zugeht. „Ich bin total klassisch“, sagt Melnyk – und hat Recht.
Geboren 1948 in einem Münchner Flüchtlingslager, wohin seine Eltern vor der Roten Armee aus der Ukraine geflohen waren, gelangte Melnyk mit zwei Jahren nach Kanada. Bis 1969 lebte er in Winnipeg. Vor allem interessierte er sich für Philosophie. Von 1973 bis 1975 arbeitete er als Pianist in Paris. Die 120 Werke, die er seitdem komponierte, rechnet er selber stilistisch der Heimat seiner Eltern zu: „Meine Musik ist ukrainisch! Es gibt ein konstantes slawisches Element darin“, meint er. Heute lebt er, weil er Ruhe und Einsamkeit braucht, in Schweden.
„All meine Musik ist: Adagio“, so Melnyk. Paradox genug, denn zu den superschnellen Läufen seiner Linken will diese Charakteristik nicht recht passen. Melnyk spielt am liebsten mit niedergedrücktem Pedal. Die verhallenden Rotationsrhythmen leugnen eine Verwandtschaft mit dem amerikanischen Minimalismus nicht. Die hypnotische Sogkraft von Stücken wie „Sunset“, „Cloud Nr. 81“ oder des titelgebenden „illirion“ seiner neuen CD haben einen metaphysischen Grund.
„Ich bin multireligiös“, bekennt Melnyk. Will sagen: Er glaubt daran, das Klavier könne „Fenster zum Transzendenten“ öffnen. „Ich bin ein Mönch, ein Guru und ein Kung fu-Meister des Klaviers.“ Ein bisschen Schwadroneur und Angeber vielleicht auch? Er sei unter Armut und Entbehrungen groß geworden, erzählt er. Habe Paris als Hungerkünstler erlebt. Seine „continuous music“ verleugnet die Erinnerung an Wagners „unendliche Melodie“ nicht. Doch wo Wagner ein Verführer, ein Narkotiker und ein Pragmatiker war, spielt sich Melnyk ganz auf den wunderlichen Propheten ein. „Ich bin nicht würdig, Wagner die Schuhe zu putzen“, meint er ernsthaft. Selbstironie immerhin ist ihm nicht fremd. Er ist – der Arvo Pärt des Klaviers.

Neu erschienen:

Lubomir Melnyk

illirion

Lubomir Melnyk

Sony

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2016



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