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Manfred Honeck (c) Felix Broede

Musikstadt

Pittsburgh

Die Geheimnisse von Pittsburgh sind immer noch kaum entdeckt. Weniger die, welche Michael Chabon in seiner längst verblassten Yuppie-Saga einkreiselte, als vielmehr die nach wie vor gültigen Basics.

Pittsburgh ist eine schöne Stadt – nach amerikanischem Standard. Grün, malerisch halbinselgleich am Monongahela und Allegheny River gelegen, die hier den Ohio bilden. Es gibt eine funktionierende Downtown, die abends nicht ausgestorben ist, sogar ein Markplatz mit Straßencafés findet sich.
Die Zeit der Kohle und Schwerindustrie ist in der Stadt mit dem größten Binnenhafen Amerikas, aber mit nur 300.000 Einwohnern, längst vorbei. An das Golden Age erinnern noch die Museums- Gründungen der einstigen Eisenbahn- und Stahlbarone Carnegie und Frick, die hier den Grundstock ihres Vermögens legten, bevor sie nach New York wechselten.
Heute setzt Pittsburgh auf Universitäten, Kliniken und Dienstleistungen, sauberes Business, zu dem auch die Kultur gehört. Nicht nur mit den reichhaltigen Museen, darunter seit 1994 das größte und schönste für den hier geborenen Andy Warhol Sondern vor allem mit dem immerhin 121 Jahre alten Pittsburgh Symphony Orchestra, das in der 1970 von der Ketchup-Dynastie gestifteten, marmorverblendeten „Heinz Hall“ residiert – früher übrigens ein altes Premierenkino.

Erst Peitsche, dann Zuckerbrot

Ein rauschhaft festlicher Rahmen für eines der besten Orchester des Landes, das es seltsamerweise nie unter die ominösen „Top Five“ geschafft hat. Ob die provinzielle Lage daran schuld war? Die größte Stahlesse der Industriewelt hatte es nicht nötig, für anderes als Hochöfen und Koksereien zu werben. Und doch zog es nach dem Gründungsdirektor Victor Herbert Namen wie Otto Klemperer, Fritz Reiner, William Steinberg oder André Previn als Chefdirigenten hierher. Fast alle strenge Orchestererzieher, die ihren Klangkörper mit gusseiserner Hand auf Präzision trimmten. Ein schnittiges Hochleistungsinstrument entstand so, das auf dem Siedepunkt ebenso rot glühte wie der Stahl, und dem von 1988 bis 1996 Lorin Maazel den letzten Schliff verpasste.
Anders als dem leblosen Metall fehlte der geschmiedet musizierenden Hundertschaft aber nicht selten die Seele. Die haben sie schließlich implantiert bekommen von einem der besten, liebevollsten Orchesterpädagogen: Mariss Jansons amtierte hier von 1996 bis 2004. Sie wird seit 2008 bis mindestens 2020 in seinem Geiste von Manfred Honeck weitergepflegt und optimiert, wie auch die jüngsten CD-Veröffentlichungen auf dem eigenen Label beweisen.
Hier ist einiges im Werden. Nicht nur Honeck, ein spätberufener Dirigent, der lange bei den Wiener Philharmonikern Viola spielte, und jetzt, als Mittfünfziger, auf dieser bedeutenden Position hörbar gereift ist und souveräner wurde. Im Umgang mit der Musik wie mit dem Publikum, wie die in manchen Konzerten eingesetzten Videos vorab beweisen.

Edutainment für Google und Facebook

Zur später machtvoll tönenden, nie dröhnenden 10. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch gibt es zunächst eine so knappe wie kluge Einführung von Honeck, dann folgt der Gastkünstler, der flamboyante Organist Cameron Carpenter, der später den Saal auf der eigenen Touring-Orgel mit seiner Bearbeitung von Rachmaninows „Paganini-Variationen“ schon sehr animiert. Ein verheiratetes Musikerpaar gibt Tipps über die Gemeinsamkeiten zwischen einer Schostakowitsch-Sinfonie und der Ehe, und die zweite Flötistin spielt ihre Lieblingsstelle, um gleich noch das Rezept für ihren Blue-Russian-Cocktail zu verraten.
Edutainment der besten Sorte, so wie auch die innovativen Konzertformate, die der junge Dirigent Steve Hackman, der sich selbst als Marke erfunden hat, auf Clubabenden nach den Konzerten oder mit seinen Rockmusik- Adaptionen unter dem „Fuse“-Label einbringt. Mit solchen und anderen Aktivitäten versucht der neue, deutsche Finanzmanager Christian Schörnisch, das Orchester auch bei den gerade in die Stadt ziehenden Abteilungen von Google oder Facebook attraktiv zu machen. Und klar, auf die anstehende Europatour kommt auch eine Wirtschaftsdelegation mit. Schließlich ist das Orchester das größte, längst enthüllte Geheimnis des im 21. Jahrhundert aufgehenden Pittsburgh.


Das Pittsburgh Symphony Orchestra auf Europatournee

Nach dem Tod Nikolaus Harnoncourts und neben Franz Welser-Möst ist der 57-jährige Vorarlberger Manfred Honeck heute der wichtigste österreichische Dirigent. Nicht nur ist er der bevorzugte Musikpartner von Anne-Sophie Mutter, auch für den Chefposten beim New York Philharmonic war er im Gespräch. Doch er ist in Pittsburgh glücklich. Was er auf der anstehenden Europatournee mit dem PSO beweisen will. Man gastiert in Hannover (20. Mai), Bremen (21.), Berlin (22.), Dresden (23.), Frankfurt (25.), Wien (26. – 28.), Basel (31.), Brüssel (1. Juni), Stuttgart (2.), München (3. – 4.). Als Solisten wechseln sich die Mutter und Leonidas Kavakos, Daniil Trifonov und Martin Grubinger ab.


Roland Mackes, RONDO Ausgabe 3 / 2016



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