Startseite · Konzert · Da Capo

(c) Monika Rittershaus

Geisterbahnjagd ins Ich - Verdis „Macbeth“

Opernhaus, Zürich (CH)

Klingt so noch ein Opernorchester? Das kracht, dröhnt und faucht. Tönen so noch Opernsänger? Fast schreiend, gurgelnd, dumpf, abgedunkelt, am Rande des Nervenzusammenbruchs. Und benimmt sich so ein Opernchor? Meist gar nicht auf der Einheitsszene anwesend, die Klaus Grünberg als schwarz dräuenden Funzelkorridor angelegt hat. Von fern tönend, bisweilen im Dunkel als Schicksalsschemen sich zusammenrottend, oder gleich ersetzt von nackten, hermaphroditischen Gestalten, die sich klüngeln und klumpen. Das sind die Hexen und sie sind, wie alles an diesem grausigen, grandiosen Abend, eine Kopfgeburt des Macbeth.
Giuseppe Verdi hat das irgendwie intendiert, als er 1847 sein zehntes Musiktheaterwerk schuf. Es war seine erste Annäherung an den Kontinent Shakespeare. Und es war das erste Mal, dass er hier wirklich musikalisch Neuland beschritt. Unausgegoren und rüde oft noch, aber mit gewagten Instrumentierungsansätzen, um den schottischen Urnebel der Vorlage mit folkloristisch grellen, gewollt primitiven, aber mitreißenden italienischen Gassenhauern zu vertreiben.
Genau da setzen am Zürcher Opernhaus der sich erstaunlich wandelnde Regisseur Barry Kosky und der kompromisslose Wunderdirigent Teodor Currentzis in seltener Einmütigkeit an, ziehen an einem Strang. So wie der eine ein abgründig schwarzes Loch auf der Bühne auftut, ein böses Nachtstück inszeniert, so heizt der andere diese Höllenfahrt in die menschliche Psyche akustisch weiter an zum irren Klangfarbentrip, zur Geisterbahnjagd ins Ich.
Man erlebt, nach anfänglicher Irritation, staunend und mit wachsender Begeisterung am Zürcher Opernhaus ein selten gewordenes Musiktheatermanifest. Auch weil mit dem Rollendebütanten Markus Brück ein fantastischer Sänger dabei ist, der sich als Schauspieler und Vokalist nicht schont und sich mit Vehemenz ganz plastisch in diese Traumrolle wirft. Uns graut vor diesem Macbeth. Aber auch vor der rollenbewährten Tatjana Serjan als Lady, die zusammen mit dem Bass Wenwei Zhang (Banco) und dem Tenor Pavol Breslik als Macduff punkten.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 3 / 2016



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Pasticcio

Mein Pferd, meine Yacht, mein Flügel

Gerade hat das auf funkelnden und blinkenden Kristallschmuck spezialisierte Traditionsunternahmen […]
zum Artikel »

Pasticcio

Der Wow-Effekt

„Das ich das noch erleben darf.“ Mit diesen Worten hat sich Hamburgs Kultursenatorin Barbara […]
zum Artikel »




Top