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Koloraturkullern - Steffanis „Amor vien dal destino“

Staatsoper im Schillertheater, Berlin

Nicht dass die seit fast 25 Jahren laufende Barock- Strecke von René Jacobs an der Berliner Staatsoper erschöpft wäre. Ausgrabungen von Graun, Cavalli, Alessandro Scarlatti und Reinhard Keiser haben unser Epochen-Verständnis revolutioniert. Auch Agostino Steffanis „Amor vien dal destino“ wurde seit 300 Jahren nicht aufgeführt. Dabei hat Jacobs stets für sich reklamiert, es sei nicht erst Cecilia Bartoli gewesen, die den Komponisten wiederentdeckt habe (im Rahmen ihres Albums „Mission“). Sondern Jacobs selbst, als er noch Countertenor war.
Der wohlig räkelige Grundduktus voll Holzbläser- Pastoralen, Orgel-Rezitativen und einer als Crossdresser besetzten Amme enthält viel weichere, ungewohnt romanzenhaftere Farben als man es kennt. Wir können nur hoffen, dass sich harmonia mundi France zu einer Aufnahme (oder einem Mitschnitt) entschließen kann. Man wäre entzückt von einem Werk, das von der Akademie für Alte Musik wie ein teilchenbeschleunigtes Oratorium musiziert wird. Als Glasperlenspiel, in dem die Koloraturkügelchen in kurzen Kurven endlos vor sich hinkullern.
Es geht um die Tatsache, dass Liebe auf Neigung, diese jedoch auf Schicksal basiert. Weshalb man die Liebesverwicklungen, bei denen jeder die Falsche liebt, nicht allzu ernst nehmen sollte. Katarina Bradić singt die Königstochter Lavinia mit royal schwerem Brokat- Mezzo. Robin Johannsen lässt ihre Sopran- Sonne scheinen, ohne dass sie sticht. Auch dank Jeremy Ovenden und Olivia Vermeulen ist dies Jacobs’ harmonischste Besetzung seit Jahren.
Dennoch steht man bass erstaunt vor der Tatsache, dass der Abend, alles in allem, weniger ist als die Summe dieser Teile. Es liegt an einer allzu sorglosen Regie. Ingo Kerkhof beschränkt sich darauf, vor einer Vorhang-Tapete reichlich Schaum-Perücken auszugeben und noch mehr Titanweiß-Schminke zu verschmieren. Die Szenen werden dekorativ durchgruppiert, was bei 3 ¾ Stunden Gesamtdauer zu einem harten Stück Arbeit wird. Hätte man einen Regisseur wie Herbert Wernicke zur Verfügung gehabt, das Ganze wäre ein Triumph!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2016



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