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Holte den Troll auf die Bühne: Ian Bostridge (c) Simon Fowler/Warner Classics

Pasticcio

Sturm im Wasserglas

Es gehört zum Alltag selbst eines international bejubelten Spitzenmusikers, dass er die große unbekannte Masse „Publikum“ nicht einschätzen kann. Wird gleich wieder jemand - natürlich während des Konzerts - mit seinem Handy rumknipsen, um András Schiff oder Keith Jarrett zur Weißglut zu bringen? Oder man gibt einfach sein Bestes – und trotzdem mischen sich in den Zwischenapplaus merkwürdigerweise einige kräftige Buhs. Mit all dem entsprechend umzugehen, verlangt neben einiger Bühnenerfahrung auch ein wenig Souveränität. Dennoch kann es vorkommen, dass sich der auf dem Konzertpodium Gescholtene erregt und daher kurzentschlossen die Beine in die Hände nimmt, um seinen Kritiker noch rechtzeitig an der Garderobe abzupassen und ihn vor das versammelte Publikumsgericht zu zerren.
Genau das hat sich gerade erst bei der traditionsreichen Schubertiade im österreichischen Schwarzenberg abgespielt. Im Rahmen einer mehrjährigen Gesamtaufführung aller Schubert-Lieder hatte der englische Tenor Ian Bostridge mit seinem Klavierpartner Julius Drake ein Konzert und mit der „Forelle“ die erste Zugabe gegeben – als plötzlich durch den Saal schallte: „Deutsch lernen“. Überrascht, verdutzt und dann empört soll nicht nur das Publikum – laut eines zufällig anwesenden FAZ-Journalisten – auf den anonymen Übeltäter reagiert haben. Bostridge schnappte sich ihn kurzerhand und stellte ihn auf die Bühne, um ihn vom Publikum ausbuhen zu lassen. Wie Bostridge später zugeben musste, war seine erste Reaktion auch der ganzen Anspannung geschuldet.
Nun ist er wohl das schlechteste Beispiel, um einem Liedsänger eine miese deutsche Aussprache vorzuwerfen. Dafür ist für Bostridge Schubert mehr als nur zu einem musikalischen Freund geworden. Allein für sein jüngstes Buch über die „Winterreise“ hat der studierte Historiker und Geisteswissenschaftler sich noch einmal intensiv aus verschiedensten Blickwinkel mit den Liedtexten beschäftigt. Und überhaupt war er immer ein Garant für Textverständlichkeit. Was beim Störenfried nun seinen lautstarken Einspruch bzw. Aufreger provoziert haben könnte, ist dem Bericht der FAZ nicht zu entnehmen. Aber auch in einem nachfolgenden Interview, das Bostridge der „Welt“ gab, vermutete der Fragesteller hinter dem Ausruf „Deutsch lernen“ einen Hinweis für nationalistisches Denken. Während der FAZler immerhin mit selbstgefälligem Pathos bekannt gab, dass er zusammen mit dem Publikum „durch Klatschen unsere Solidarität mit den Künstlern“ bekunden konnte, hat Bostridge den Vorgang längst erholsam tiefer gehängt: „Der Mann ist wahrscheinlich einfach nur wütend auf alles Mögliche.“

Guido Fischer



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Ich saß vor einigen Jahren in Bayreuth, vollkommen verzaubert vom Ende des Parsifal. Der Raum vibrierte förmlich vom letzten Klang und der ihm innewohnenden stillen Spannung, als vielleicht noch in den Schlussklang, jedenfalls den inneren Nachklang hinein mein Sitznachbar ein unglaublich derbes, brutales Buh gegrölt hat. Ich konnte mich nicht einmal bei ihm beschweren. Ich war einfach so getroffen, enttäuscht, ja fast verletzt von diesem bornierten, auch unmusikalischen Egoismus. Was Bostridge über den Vorfall gesagt hat, ist meiner Meinung nach legitim: "Ich habe ihm nur gesagt, er solle selbst mal auf die Bühne kommen, damit er mal sieht, wie es ist, da oben zu stehen vor Publikum." Wer sich herausnimmt, aus dem sicheren Hafen des Auditoriums alle anderen und auch denjenigen zu stören, der auf der Bühne unter den kritischen Augen vieler Menschen seine Arbeit macht, dem kann man auch zumuten, sich vor eben diesem Publikum zu artikulieren. Es ist eine Anmaßung, die hochprofessionelle Tätigkeit anderer (von deren tatsächlichen Schwierigkeiten zudem viele gar keine Ahnung haben) durch derbe Buhs oder sonstige Rufe abzuqualifizieren. Das sollte in unserer Welt keinen Platz haben und es ist gut, wenn solche Leute Konsequenzen aus ihrem Fehlverhalten ziehen müssen.

chnrchs
Kommentar zu "Ich saß vor einigen Jahren in Bayreuth,......" Mir kommt dieser "Brief" etwas zu kurz gedacht vor. Natürlich ist es einerseits nicht schön, vom Genug des Gebotenen auf diese Weise abgelenkt zu werden. Andererseits ist für mich genauso ungehobelt, die Darbietung mit übertriebenem Klatschen, Bravo-Rufen oder Fußtrampeln zu komplimentieren. Die überschwänglichen Bekundungen sollten meines Erachtens wenigen höchstklassigen Aufführungen vorbehalten bleiben. Ich für meinen Teil möchte mit dem "Genossenen" auch noch im Anschluß gefangen genommen bleiben (auch wenn es mal nicht gefallen hat). Buh-Kommentare müssen aber auch genehmigt sein, wie anders sollen nicht akzeptierte Aufführungen vom Besucher rübergebracht werden. Was in diesem Zusammenhang garnicht geht, sind Hinweise wie "Er solle mal selbst auf die Bühne kommen...usw.", schließlich ist man im Auditorium zahlender Besucher und will garnicht die Situation von der anderen Seite betrachten wollen noch deren Probleme wälzen. Dafür sind andere zuständig. Und auch hier gilt wieder, wie schön ist doch Rücksichtnahme von allen Seiten. Stefan P. (hier eingefügt von Red.)


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