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(c) Charlotte Abramow/DG

Nemanja Radulović

Erfrischter Bach

Der aus Serbien stammende Geiger hat ein Album mit Original-Werken der Bach-Familie und tollkühnen bis grenzwertigen Arrangements aufgenommen.

Man soll ja nichts geben auf inszenierte Cover-Fotos. Und sich vor dem Interview innerlich lieber auf eine vermutlich weniger dramatische Erscheinung einstellen. So inszenierte zum Beispiel sein Label den Violinisten Nemanja Radulović für die glanzvolle Fotostrecke des Booklets zum Album „Bach“ als eine rasante Mischung aus Rockstar mit düster umflortem, sengendem Blick und einem schwarzen Engel mit lackschwarzer Lang-Wuschel- Mähne. Demzufolge erwartet man doch eine eher schwierige Person mit schwer zu bremsender Wildheit, die beim Interview störrisch in wortkargem Rätseln verharrt.
Und dann sitzt da ein freundlicher großer Junge mit hinreißendem Lächeln in der Lobby eines Pariser Hotels im schmuddeligen 14. Arrondissement, die wilden Haare zum ordentlichen Knoten am Hinterkopf gebändigt und mit schwarzer Intellektuellen-Brille eine überaus liebenswürdige, sanfte Erscheinung. Radulović spricht mit weicher Stimme, sein Englisch grundiert ein leichter französischer Akzent. Mehr als die Hälfte seines Lebens lebt der gebürtige Serbe bereits in Paris. Inzwischen allerdings in sicherer Entfernung von 30 km zum Zentrum in einem Haus am Wald.
In Radulovićs Geigerleben gibt es Fixsterne, die er immer wieder umkreist. Einer ist Bach, Thema seines neuen Albums, und ein weiterer ist Beethoven, dessen Violinkonzert ihm seinerzeit den Durchbruch bescherte. „Zusammen mit Bachs ‚Chaconne‘ ist das Beethoven- Violinkonzert eines der wichtigsten Stücke in meinem Leben, denn ich bin ihm in einer entscheidenden Phase meines Lebens begegnet. Ich nahm mir die Partitur sehr früh vor, mein Professor meinte dann aber, dass ich noch zu jung dafür sei. Tatsächlich war ich erst 13! Ich erinnere mich, dass ich dann allein daran arbeitete, hier in Paris. Das war unmittelbar, nachdem ich mit meiner Familie herkam, nach dem Krieg. Diese Musik gab mir die Möglichkeit, die großen Veränderungen in unserem Leben irgendwie zu bewältigen. Das Violinkonzert ist für mich für immer verbunden mit dieser dramatischen Zeit des Umbruchs, des Neuanfangs.“

Ruppiges Konzert, schwelgerische Arrangements

Nun hat er Bach aufgenommen. Eine auf den ersten Blick arg bunte Mischung aus Originalwerken und durchaus süffigen Arrangements, darunter eben auch die berühmte „Chaconne“. Radulović sieht das ganz undogmatisch: „Das ist jetzt mein neuntes Album. Und ich dachte, es ist Zeit, noch einmal die ‚Chaconne‘ einzuspielen – nach 12 Jahren. Ich wollte aber eine andere Version. Ich denke auch, wir sind manchmal einfach zu vorsichtig mit Bach und sprechen ihn quasi heilig. Er war natürlich ein unglaublicher Komponist, aber auch ein ganz normaler Mensch.“
Radulovićs Album ist nichts für Puristen. Im Gegenteil. Er spielt das A-Dur-Solokonzert sehr schnell, fast ruppig, mit nach vorne drängendem Drive und trockenem Ton. Das Doppelkonzert gemeinsam mit Tijana Milošević klingt dagegen ungleich lyrischer, weicher. Die Arrangements der populärsten Bach-Hits wie „Toccata & Fuge“ BWV 565 und die „Air“ sind geprägt von einer längst überholt geglaubten romantischen Bach-Auffassung – wäre da nicht der mitreißend musikantische Zugriff, der Radulovićs Spiel durchgehend prägt. Um diese Kategorien und Schubladen schert er sich wenig, vielmehr spielt er mit ihnen: „Wir wollten bewusst verschiedene Stile präsentieren und zeigen, wie viele Möglichkeiten es heute gibt, Bach zu interpretieren.“

„Bach war kein Langweiler“

Fragt man nach Vorbildern, nennt Radulović unter den Altmeistern Yehudi Menuhin und Isaac Stern. Ja, mit historischer Aufführungspraxis hat er sich wohl beschäftigt, aber „ich muss sagen, es ist nicht so richtig mein Ding, es könnte nie meine Spezialität werden.“ Einflüsse bezieht Radulović dafür auch aus Rock und Pop: „Je mehr wir sehen und wahrnehmen, desto besser“, lautet sein Credo. Aber hatte er nicht Bedenken, die Wunschkonzert-Hits wie „Toccata“ und „Air“ in Arrangements zu verheizen? „Ehrlich gesagt, ich war erst unsicher, denn Crossover wollte ich auf keinen Fall. Aber die ‚Toccata‘ ist so modern, das ist ein unglaubliches Stück, damit kann man alles machen. Es hat eben einen Grund, warum diese Stücke so bekannt sind.“ Nemanja Radulović hat keine Berührungsängste mit dem Populären: „Ich mag das Wort Mission eigentlich nicht, aber wenn ich eine habe, dann die: Ich will für jeden spielen! Nicht nur für ein Publikum, das bewertet, vergleicht und urteilt.“
Radulović ist kein manischer Übe-Fanatiker, der sich im stillen Kämmerlein mit Tonleitern quält. „Ich übe kurz, aber konzentriert“. Das kann er sich leisten, denn er hat um die Technik und die Bewältigung dieses schwierigen Instruments nie ringen müssen. „Für mich war es ganz natürlich, das erste Konzert spielte ich schon nach sechs Monaten, ich habe einfach sehr schnell gelernt.“
Dazu kam dem Geigen-Glückskind seine Veranlagung als Bühnen-Tier gelegen: „Ich erinnere mich genau, was mich dran bleiben ließ an der Geige: Es war mein erster Bühnenauftritt! Ich erinnere mich vor allem an die große Freude durch den ersten Kontakt mit dem Publikum. Das Gefühl, dass alles möglich ist. Damit stand für mich der Berufswunsch fest. Für mich ist bis heute das Wichtigste die Kommunikation mit dem Publikum. Als ich jung war, kannte ich auch keine Nervosität! Später war ich dann manchmal nervös, wenn ich müde war, und manche Orte sind eben wichtiger als andere. Heute mache ich keine Unterscheidung mehr, ob ich in der U-Bahn oder im Leipziger Gewandhaus spiele.“
Die Wurzeln seines musikalischen Temperaments liegen vermutlich in seiner Balkan- Herkunft, oder ist das nur ein blödes Klischee? „Also, ich weiß nicht, meine Mutter ist Ärztin, mein Vater Computerspezialist. Gut, meine Schwestern spielen Cello. Ich denke, meine persönliche Geschichte ist dafür verantwortlich, wie ich spiele. Ich bin in Serbien geboren, habe in Deutschland gelebt, jetzt schon lange in Paris. Ich reagiere vor allem auf die Musik, wie ich gerade spiele.“
Und was ist mit den rasanten Tempi bei Bach? „Bach kann keine langweilige Person gewesen sein, er war doch voller Leben! Wir haben entschieden, einen frischen, enthusiastischen Bach zu spielen. Und sein strengesImage mal bewusst zu vergessen. Man muss sich nur vorstellen, wie viele Kinder er hatte! Er muss das Leben geliebt haben, das pralle Leben! Natürlich gibt es auch meditative Seiten in seiner Musik. Aber sie hat eben alle Farben.“
Neben Bach und Beethoven ist Mozart Radulovićs erklärter Liebling: „Zu Bach und Mozart habe ich die engste Bindung. Mozart hilft mir, ein Kind zu sein, Freude zu fühlen. Bach dagegen bringt mich zurück auf den Boden der Tatsachen. Wenn ich übe, höre ich immer mit Bach auf. Ich liebe auch die Russen. Aber Mozart? Ich würde gerne Arien-Arrangements spielen, denn mein tiefster Wunsch ist, mit meinem Spiel die menschliche Stimme zu finden.“

Erscheint am 14.10.:

Johann Sebastian Bach

Violinkonzert A-Dur, Doppelkonzert d-Moll, Air aus der Orchestersuite Nr. 3; Chaconne aus der Partita für Violine solo BWV 1004 u.a.

Nemanja Radulović, Les Trilles du Diable

DG/Universal


Nemanja Radulović

wurde 1985 in der südserbischen Stadt Niš geboren. Mit sieben Jahren begann er dort mit dem Geigenspiel. Später studierte er in Belgrad und Saarbrücken bei Joshua Epstein. Mit 14 Jahren wurde er am Pariser Konservatorium aufgenommen. Seinen Durchbruch markierte 2006 das Debüt beim Orchestre Philharmonique de Radio France, als er für Maxim Vengerov bei Beethovens Violinkonzert einsprang. Seither konzertiert er mit bedeutenden Orchestern. Nach sechs Platten bei Transart und Art Act ist „Bach“ das zweite Album, das er beim Label „Deutsche Grammophon“ veröffentlicht. Mit Beethovens Violinkonzert gastiert er im Oktober (25., 26. und 30.10.) in Münster.


Regine Müller, RONDO Ausgabe 5 / 2016



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