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(c) ROH. Photo/Stephen Cummiskey

Jan Philipp Gloger

Gefühle machen

Der Regisseur debütiert an der Londoner Covent Garden-Oper mit einer Inszenierung von Wolfgang Amadeus Mozarts „Così fan tutte“.

RONDO: Sie haben in Gießen Angewandte Theaterwissenschaft studiert. Wie verträgt sich die postdramatische Doktrin mit dem komödiantischen Räderwerk einer da- Ponte-Oper?

Jan Philipp Gloger: In Gießen gab es Kommilitonen, die behaupteten: „Du musst das Publikum ignorieren, das haben die Avantgarden immer gemacht!“ Bei aller Begeisterung für diese Radikalität hatte ich aber das Gefühl, dass damit meine Theater- Ausbildung noch nicht vollständig ist.

RONDO: Wie haben Sie sich dann dem Erzählen auf der Bühne genähert?

Gloger: Nach dem Studium bin ich zu Dieter Dorn ans Resi gegangen. Dort habe ich das Psychologische, Narrative nachgeholt. Das war Nachsitzen bei Dieter! Goebbels und Dorn sind natürlich totale Antipoden – aber diese beiden haben mich am meisten geprägt.

RONDO: Zur Oper sind Sie erst später gekommen?

Gloger: Am Anfang stand die Bühnenmusik für Sprechtheater. Zur Oper hatte ich erst ein sehr distanziertes Verhältnis. Ich habe aber viel Kammermusik gemacht und Klaviertrio gespielt.

RONDO: Wie kamen Sie dann überhaupt zur Regie?

Gloger: Über die Bühnenmusik. Ich habe mich immer wieder in die Proben eingemischt und irgendwann stand die Frage im Raum: „Mach doch mal Regie?“ Mit 19 habe ich dann angefangen. Das klingt nach einer romantischen Geschichte, aber es ist eigentlich ganz simpel. Denn das Inszenieren ist für mich ein glücklicher Grund-Seinszustand – ich mache das so wahnsinnig gerne, dass es gar nicht ohne geht.

RONDO: Wenn man Arbeiten von Ihnen gesehen hat wie den „Holländer“, den „Rosenkavalier“ und den „Barbier“, dann reimt man die nicht zwangsläufig zusammen …?

Gloger: Ich habe keine Sehnsucht nach einer Handschrift. Manchmal nutze ich Text wirklich als Material, manchmal sehe ich mich als dessen Interpret und überlege mir jeden Eingriff sehr gründlich.

RONDO: Sie machen weiterhin sowohl Schauspiel als auch Oper?

Gloger: Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich beides zu gleichen Teilen betreiben kann. Ich kann mich immer fragen: Will ich diese Oper eigentlich machen? Was kann ich mit diesem Stück erzählen? Wie steht es um die Relevanz? Diese Frage muss sich die Oper als teure Veranstaltung gefallen lassen.

RONDO: Setzen Sie sich mit Interpretationen von Kollegen auseinander?

Gloger: Ich frage mich nicht primär, wie ich die Rezeptionsgeschichte voranbringen kann. Für mich ist viel wichtiger, wie ich es hinkriege, dass der Abend im besten Fall dem Spezialisten und dem Unvoreingenommenen gefällt.

RONDO: Knüpfen Sie mit „Così“ an ihre „Figaro“-Erfahrung an?

Gloger: Den „Figaro“ kann man wörtlich erzählen, schon über die Konstellation von Oberschicht und Unterschicht. „Così“ erscheint mir aber fast wie die reduzierte Kernvariante des „Figaro“, nämlich als eine Schule der Liebenden – eine Schule für alle Liebenden! Alle können daraus lernen! Dieser genaue Blick auf Menschen, auf Verstrickungen, auf Gefühle und wie Gefühle gemacht werden! Das ist nirgends so toll ausformuliert worden wie in den da-Ponte-Opern. Insofern setze ich da wieder an – aber eben sieben Inszenierungen später! Und ein bisschen gelebt habe ich in der Zwischenzeit auch.

RONDO: Wie lösen Sie das Verkleidungsproblem?

Gloger: Die Frage: Warum erkennen die Frauen ihre verkleideten Geliebten nicht spätestens, wenn sie ihnen näher kommen, kann man nicht mit Realismus lösen. Wir reflektieren dafür die Theatersituation und fragen uns: Was ist eigentlich mit den Lebensentwürfen, die sich in so einem Theaterpublikum abzeichnen? Wir gehen ja meistens als Paare ins Theater! Und neben uns sitzt dann eine fremde Frau. Damit spielen wir und mit den Konventionen der Lebensmodelle da unten. Die Liebe an sich wird auseinander genommen. Was ist denn Liebe überhaupt? Der Mensch ist doch immer zerrissen zwischen der Sehnsucht nach Harmonie und Beständigkeit und dem Drang nach Abwechslung, Aufregung!

RONDO: Bei „Così“ geht es aber auch um das Verschwimmen von echten und vorgetäuschten Gefühlen?

Gloger: Da landet man dann plötzlich bei Lessing und seiner Theorie von der psychophysischen Wechselwirkung. Danach gibt es die klare Trennung zwischen echten und erzeugten Gefühlen eben gar nicht! Das ist hoch spannend zu untersuchen.

RONDO: Und am Ende haben alle einen Kater. Man sieht das Finale oft als große Desillusion gebrochener Herzen?

Gloger: Ich habe einen eher positiven Blick auf das Stück, bei mir sind nicht alle kaputt am Ende. Denn alle haben ein bisschen was gelernt. Und für alle Beteiligten gab es Momente des Zaubers, in denen die Zeit stehen bleibt.

www.uci-kinowelt.de

Live-Kinoübertragungen aus dem Royal Opera House Covent Garden:

17.10. Mozart „Così fan tutte“ (Bychkov; Winters, Brower, Behle, Kränzle; Regie: Gloger)

15.11. Offenbach „Hoffmanns Erzählungen“ (Grigolo,
Hampson, Yoncheva; Regie: Schlesinger)

31.1. Verdi „Il Trovatore“ (Hvorostovsky, Rachvelishvili, Haroutounian, Kunde; Regie: Bösch)

30.3. Puccini „Madama Butterfly“ (Jaho, Puente; Regie: Leiser, Caurier)

28.6. Verdi „Otello“ (Kaufmann, Agresta, Tézier, Pappano; Regie: Warner)


Jan Philipp Gloger

wurde 1981 in Hagen geboren und studierte Angewandte Theaterwissenschaften und Regie. Zunächst nur als Schauspielregisseur tätig, nahm seine Karriere als Opernregisseur einen ungewöhnlich steilen Verlauf: 2010 inszenierte er mit Mozarts „Le nozze di Figaro“ in Augsburg seine erste Oper überhaupt, ein Jahr später schaffte er es mit Händels „Alcina“ bereits an die Dresdener Staatsoper, ein weiteres Jahr später folgte der wohl größte Sprung: 2012 inszenierte er Wagners „Holländer“ in Bayreuth. Es folgten Regiearbeiten an bedeutenden Häusern wie Zürich, Amsterdam und an der Essener Aalto-Oper. Mozarts „Così fan tutte“ wird am 17. Oktober live aus dem Londoner Opernhaus Covent Garden in die Kinos übertragen.


Regine Müller, RONDO Ausgabe 5 / 2016



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