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Maurice Steger

Mit Pustebacken an Bord

Der Blockflötist hat sich mit Graf von Harrach nach Neapel aufgemacht – und von dort unbekannte „Souvenirs d’Italie“ mitgebracht.

Es gibt Aufnahmen, die einen umwehen und in die man eintritt wie in eine fremde Welt. Erstaunlich. Die Luft wird leichter. Uns umfängt ein Zeitsprung und ein irritierend heller Odem. So ist es bei der neuen CD von Maurice Steger. Das hängt gewiss mit der Tastsache zusammen, dass hier eine tatsächlich unbekannte Welt pionierhaft aufgeschlossen wird. Die Abschriften des Grafen Harrach nämlich, eines hochrangigen Diplomaten des 18. Jahrhunderts, werden erstmals überhaupt zum Klingen gebracht. Es handelt sich um eine private Reisetagebuch-Schatulle aus Harrachs Zeit in Neapel. Bislang lag sie unter dem Siegel der Vergessenheit verschlossen.
Aloys Thomas Raimund Graf von Harrach – allein der Name ist Gold wert! – wurde im fortgeschrittenen Frührenten-Alter von 60 Jahren vom Kaiser Karl VI. nach Neapel expediert. Hier war Harrach Vizekönig ab 1728. Er hoffte, nur so kurz zu bleiben wie möglich. Doch der Ritter vom Goldenen Vlies stellte seinen Auftraggeber so über alle Maßen zufrieden, dass sein Aufenthalt auf immerhin fünf Jahre verlängert wurde. Vom Kunstsammler wandelte sich Harrach währenddessen auch zum Musiksammler und bestellte bei (Klein-)Meistern der Region im großen Stil. So finden sich in seinem Handschriften-Konvolut Werke von Antonio Caldara, Leonardo Vinci, Leonardo Leo, Antonio Maria Montanari und Giuseppe Sammartini. Sieh an!
„Harrach muss eigentlich Flöte gespielt haben“, so Maurice Steger über seine Entdeckung. „Welcher gutbetuchte Herr würde sonst 40 Stücke für dieses Instrument kaufen?!“ Einiges musste rekonstruiert werden. Von manchen Opern sind nur einzelne Arien enthalten. Steger musste den Tüftler und Bastler in sich wachküssen, um aus diesen Vorlagen eine runde Sache zu machen. „Ich glaube, dass die Motive Harrachs eher mäzenatischer Natur waren. Neapel war damals überfüllt von Komponisten, und die Moden änderten sich rasend schnell.“ Möglicherweise wurden die Ankäufe für Festlichkeiten des Vizekönigs erworben. „Auch wie er sie bezahlt hat, wissen wir nicht.“
Die Kunstsammlungen des Prinzen Harrach sind in Österreich keineswegs unbekannt. Eine reichhaltige Gemälde-Kollektion befindet sich bis heute auf Schloss Rohrau – am Geburtsort von Joseph Haydn (was Zufall ist). Weil Harrach Neapel ursprünglich auf dem Seewege erreichte, ist Steger auf dem Cover seiner CD an Bord einer Segelyacht zu sehen, während er gerade gegen den Wind anbläst. Harrach selber vertrug das süditalienische Klima schlecht und begab sich deswegen oft auf Reisen. Auch dort hat er Komponisten-Shopping betrieben. Die Handschriftensammlung, in der all das landete, wurde erst vor wenigen Jahren entdeckt.

Operngesang wird Flötenattacke

Seinem Ruf als ausgesprochen virtuosem Flötisten kann Steger zur Genüge bei den flirrenden, sirrenden, girrenden Flötenkonzerten von Domenico Sarro, Nicola Fiorenza und Vinci gerecht werden – zum Teil bearbeitet, meist indes original. Der Schweizer selbst sieht sich ein wenig anders. „In Neapel landen wir in einer heißblütig theatralischen Welt“, sagt er. „Hier geht es darum, Virtuosität in Kantabilität umzusetzen: Ziel ist, zu singen!“ Das allerdings tut Steger mit so viel atemberaubender Gewitztheit, lyrischer Zungenfertigkeit und zartem Biss, dass man nicht nur an Operntempel, sondern an italienische Lebensart insgesamt denken muss. Köstlich!
Die Frage, ob es sich grundsätzlich um superiore Meisterwerke handelt, stellt sich derweil kaum. Die Flöte gehört entschieden zu jenen Blasinstrumenten, deren Eigengeschmack stark genug ist, um den Eindruck großer Unabhängigkeit zu erzeugen. „Trotzdem sind mindestens zwei echte Meisterwerke dabei: das Sammartini-Flötenkonzert und die ‚Cantata per flauto’ von Giovanni Adolfo Hasse“. Auch die Ouvertüre von Vinci sei erstklassig, beschwört der Blockflötist.
Mit dem Album baut Maurice Steger einen Branchen-Vorsprung weiter aus, den er seit seinem Wechsel zur harmonia mundi France für sich verbuchen kann. Vielleicht auch darum, weil er ein so witziger Mann ist. „Die PustePusteraus- Glanzbrillanz kann ich nicht!“, sagt er offen. „Mein Ton kommt aus den Backen, nicht aus dem Hals, deswegen ist die Luft wärmer. Ich sehe schlimm aus beim Spielen, aber der Ton wird süßer.“ Freilich, so ergänzt er prompt, „für mich ist ein Ton nicht dann süß, wenn ich dabei an Zucker denken muss, sondern wenn er eine menschliche Dimension hat: eine Lieblichkeit ohne Brillanz-Gebaren“. Übrigens seien mimische Begleiterscheinungen bei der Ton-Erzeugung mit dafür verantwortlich, dass Frauen früher selten zur Flöte gegriffen haben …
Wer Steger bei Auftritten mit einem rasselnden Arsenal von Flöten die Bühne betreten sieht, muss über diesen Flottillen-Kapitän der tausend Töne sogar kurz lachen. Die von ihm erfundene Education-Figur des Tino Flautino genießt in der Schweiz unter Kindern längst komischen Kult-Status. Er ist ein Mann, der nicht nur beim Nachwuchs Laune macht, sondern auch sonst nie klassischen Bierernst aufkommen lässt. Die „Souvenirs d’Italie“ sind ein neapolitanisches Mitbringsel, an dem man sich weder den Magen verrenkt, noch in Samariter- Feierlichkeit verfällt. Leicht, süditalienisch geläutert und gelöst. Wunderbar.

Neu erschienen:

Souvenirs d’Italie. Graf Harrachs musikalische Tagebücher (Concerti und Sonaten von Sammartini, Caldara, Vinci, Hasse, Piani, Fiorenza u.a.)

Maurice Steger u.a.

harmonia mundi


Opernzentrum am Vesuv

Als ‚Wiege der opera seria’ könnte man die Musikstadt Neapel beschreiben. Unter dem Einfluss der Libretti von Pietro Metasasio – dem wichtigsten Promotor dieses Genres – spaltete sich in Neapel erstmals der ernste Zweig der italienischen Oper vom heiteren ab. So waren etliche der bei Maurice Steger vertretenen Komponisten, darunter Nicola Porpora und Johann Adolf Hasse, Meister und Hauptvertreter der Opera seria, die sie innerhalb Italiens und Österreichs weiter exportierten. Erstaunlich, wie sich der ernste, seriöse Stil, sobald diese Komponisten Instrumentalstücke schrieben, in Virtuosität ummünzt. Es ist der doppelte Boden dieser „Souvenirs d’Italie“.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2016



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