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(c) Lukas Beck

Maddalena Del Gobbo

Französischer Gamben-Adel

Die italienische Gambistin hat ihr neues Album Prinzessin Henriette gewidmet – nicht nur Tochter Ludwigs XV., sondern auch eine exquisite Gambistin.

RONDO: Der Name „Prinzessin Anne Henriette von Frankreich“ dürfte wohl nur den allerintimsten Kennern der französischen Historie ein Begriff sein. Wie kommt es daher, dass Sie jetzt an sie mit Ihrer CD erinnern?

Maddalena Del Gobbo: Ich habe schon sehr früh angefangen, mich für Geschichte zu interessieren. Und ich kannte natürlich die Geschichte der französischen Könige. Prinzessin Anne Henriette ist zwar nicht unbedingt eine bekannte Persönlichkeit der Bourbon-Familie. Weil ich aber Gambe spiele, kannte ich schon das berühmte Gemälde der Prinzessin, das Jean-Marc Nattier von ihr gemalt hat. Und diese „mysteriöse“ Prinzessin mit ihrem wunderschönen Kleid und der Viola da Gamba fand ich sehr faszinierend. Irgendwann hab ich mich dann genauer mit ihrem Leben befasst und entschied mich, ihr ein Programm zu widmen.

RONDO: Was weiß man überhaupt von Henriettes Gambenkünsten?

Del Gobbo: Sie muss eine ausgezeichnete Gambistin und Musikerin gewesen sein, denn die ihr gewidmeten Stücke ihres Lehrers Jean-Baptiste Forqueray sind technisch und musikalisch anspruchsvoll. Ein weiteres Indiz für ihre große Begabung ist aber auch die Tatsache, dass Nattier sein berühmtes Porträt erst zwei Jahre nach ihrem Tod gemalt hat. Also wollte man sich vielleicht so an sie erinnern …

Für Ihre CD „Henriette“ haben Sie Werke von drei französischen Granden der Gambenmusik ausgesucht, darunter natürlich auch von Marin Marais. Wie würden Sie deren ganz eigene Klangsprachen beschreiben?

Del Gobbo: Es ist schwer, die Musik in Worte zu fassen. Ich hätte Angst, dabei viele Facetten zu vernachlässigen. Aber Marin Marais zum Beispiel komponierte für mich auf eine sehr edle, harmonische Art, die auch in den dramatischen Passagen nie die Ästhetik vernachlässigt. Sie berührt auf eine sehr feine Art. Fast konträr dazu ist die Musik von Forqueray: gewagte Harmonien, wilde Passagen und eine sehr spezielle Ausdrucksweise. Bei Louis de Caix d‘Hervelois hört man wiederum eine andere Art der Komposition: Seine Besonderheit waren eher bukolische und vielleicht beim ersten Hören „leichte“ Stücke, die aber genauso entzückend sind.

RONDO: Gerade diese musikalische Epoche ist ja bereits von allen Großen des Gambenspiels beleuchtet worden. Gibt es Musiker – ich denke da natürlich zuerst an Jordi Savall –, die Sie grundlegend in Ihrem Spiel beeinflusst haben?

Del Gobbo: Ich habe das Glück, in der heutigen Zeit zu leben, in der die „Wiederentdecker“ der historischen Aufführungspraxis schon so viel geforscht und geleistet haben, dass wir jüngeren Musiker es wirklich leichter haben. Vor einigen Jahrzehnten musste man zum Beispiel für einen Traktat Archive aufsuchen. Und die Autografen und Kopien waren oftmals nur schlecht zu lesen und entziffern. Mein Lehrer José Vazquez ist für mich eine große Quelle der Inspiration. Er ist ein großartiger und vielseitiger Musiker und Musikwissenschaftler, der mir bei meinen Fragen immer weiterhelfen kann. Und seine musikalischen Ansichten haben mich sehr geprägt. Außerdem ist August Wenzinger für mich ein großes Vorbild. Ohne ihn würde man heute wahrscheinlich kaum so die Gambe spielen. Meine große Inspirationsquelle sind aber auch Sänger. Ich finde, man sollte sich beim Spielen am Gesang orientieren. Dann ist man wirklich eins mit dem Instrument.

RONDO: Sie kommen ja eigentlich vom Cello und haben es in Ihrer Wahlheimat- Stadt Wien studiert. Trotzdem haben Sie sich irgendwann für die Gambe entschieden …

Del Gobbo: Es war der reine Zufall. Ich war in einem Wiener Plattenladen, als ich aus den Lautsprechern zum ersten Mal ihren Klang hörte.

RONDO: Wissen Sie noch, was für ein Stück da gerade lief?

Del Gobbo: Es war eine Aufnahme von Vittorio Ghielmi, auf der kurioserweise auch Musik von Marin Marais war. Welches Stück genau, weiß ich leider nicht mehr. Aber Zuhause hörte ich dann daraus nur noch Marais‘ „L‘Arabesque“. Daran kann ich mich noch sehr gut erinnern.

RONDO: Und was war es, was Sie plötzlich zur Gambe hinzog?

Del Gobbo: Es war ihr eleganter wie zugleich mysteriöser Klang. Doch was mich an der Gambe bis heute am meisten fasziniert, ist ihre Fähigkeit, unmittelbar das Herz der Zuhörer zu berühren.

Neu erschienen:

Henriette – The Princess Of The Viol (Werke von Marais, Forqueray, D’Hervelois)

Maddalena Del Gobbo, Michele Carreca, Ewald Donhoffer, Christoph Prendl

DG/Universal


Madame Henriette de France

Am 14. August 1727 konnte Louis XV. stolz ausrufen: „Man hat mich impotent genannt, aber mir ist ein Doppelschlag gelungen!“. Schließlich hatte gerade seine Gemahlin, die französische Königin Maria Leszczyńska, Zwillingsschwestern zur Welt gebracht. Die Jüngere von beiden war Anne Henriette bzw. „Madame Henriette de France“. Doch während ihre Schwester nach Spanien verheiratet wurde, blieb Henriette Zeit ihres kurzen Lebens in Versailles. Am 10. Februar 1752 verstarb sie gerade mal 24-jährig an den Folgen einer Pockeninfektion. Immerhin gibt es auch ein musikalisches Porträt von der Gambistin: Es lautet „L’Henriette“, stammt von ihrem Bewunderer Louis de Caix d’Hervelois und findet sich ebenfalls auf Maddalena Del Gobbos „Henriette“-Hommage.


Guido Fischer, RONDO Ausgabe 6 / 2016



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