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(c) Tatarstan Orchestra

NSO Tatarstan

Internationaler Klang

Das Nationale Sinfonieorchester Tatarstan aus der Hauptstadt Kasan geht im Dezember erstmals in Westeuropa auf Tour.

Kasan, wo liegt das noch gleich? Vermutlich in Kasachstan? Weit gefehlt! Die Millionenstadt an der Wolga ist die Kapitale der autonomen Republik Tatarstan innerhalb der Russischen Föderation und liegt eine gute Flugstunde östlich von Moskau. Heute gilt Kasan als ein Musterbeispiel des friedlichen Nebeneinanders von Christen und Muslimen – etwa 54 Prozent der Bevölkerung sind ethnische Tataren überwiegend muslimischen Glaubens, der Rest Russen und Angehörige ethnischer Minderheiten –, was neben der langen gemeinsamen Geschichte womöglich auch darin begründet liegt, dass Kasan eine auffallend wohlhabende Stadt ist. Die Straßen sind gepflegt, die Altbauten mustergültig saniert. Tatarstan nennt sich nicht ohne Stolz das „Bayern Russlands“ und liebäugelt mit der völligen Unabhängigkeit. Außerdem ist Kasan eine traditionsreiche Kulturstadt. Die ehrwürdige Universität ist nach Moskau die älteste Russlands und mit prominenten Absolventen, wie etwa Lew Tolstoi und Wladimir Iljitsch Uljanow, der sich später „Lenin“ nannte. Auch Maxim Gorki und der große Bassist Fjodor Iwanowitsch Schaljapin waren Kasaner, Sofia Gubaidulina wuchs dort auf. Die Kulturpolitik fährt bewusst zweigleisig und fördert sowohl die westliche, „akademisch“ genannte Kultur als auch die tatarische Tradition.
Das gilt auch für die Musik. Tatarische Gruppen werden ebenso großzügig unterstützt wie das Nationale Sinfonieorchester Tatarstan, das seinerseits auch die tatarische Musik der Gegenwart pflegt. Vor sechs Jahren übernahm Alexander Sladkovsky das Ruder. Der Dirigent spricht perfekt Deutsch und ist international viel herumgekommen. Er machte sich für mehr öffentliche Zuwendungen stark, konnte zum Auftakt die Gehälter der Musiker verdreifachen und zahlreiche Vorspiele organisieren. Das Ergebnis: Das Orchester wirkt außergewöhnlich jung besetzt, der Frauen-Anteil ist enorm hoch. Neben der guten Bezahlung sorgt Sladkovsky noch auf andere Weise dafür, dass die Stellen im Orchester begehrt sind. „Ich fahre einmal pro Jahr nach Cremona und kaufe dort erstklassige Instrumente ein. Das ist auch sehr wichtig, um die Qualität zu steigern“.
Tatsächlich ist der Streicherklang in der ziemlich knallig direkten Akustik der Konzerthalle in Kasan weich und sämig, aber auch durchaus hell und brillant. Unter dem russischen Orchesterklang stellt man sich massivere, dunklere Klänge vor, die an schweren Rotwein erinnern. Sladkovsky strebt aber gerade das nicht an: „Wir pflegen ein breites Repertoire. Demnächst möchte ich alle Londoner Sinfonien von Joseph Haydn aufführen. Wir haben einen Beethoven- Zyklus gespielt und einen Brahms- Zyklus. Wir spielen Mahler, natürlich auch Tschaikowski, Rachmaninow und Schostakowitsch. Aber ich will wirklich einen internationalen Klang.“
Direkt neben der Konzerthalle liegt das Konservatorium. Diese enge Verbindung ist natürlich kein Zufall, sondern gewollt. Das Orchester rekrutiert sich zu fast 90 Prozent aus Musikern, die aus Tatarstan stammen und in der Regel nebenan an der Hochschule studiert haben. Also doch russische Musiktradition durch und durch? „Natürlich haben wir die russische Klangbasis und das Ergebnis der russischen Instrumentalschule. Aber mein Klangideal ist international. Mit russischer Grundierung.“ Das Konzert zur Saisoneröffnung ist ausverkauft, der Altersdurchschnitt erfreulich jung. „Die Nachfrage ist enorm. Ich würde schon sagen, dass die klassische Musiktradition in Kasan ungebrochen ist. Wir waren hier immer sehr westlich orientiert.“


Das NSO Tatarstan unter Alexander Sladkovsky auf Tournee mit Tschaikowski, Glinka, Mussorgski, Rachmaninow (Solist: D. Matsuev):

4.12. Kufstein (A)
5.12. Linz (A)
6.12. Wien (A)
8.12. Basel (CH)
9.12. Karlsruhe,
Solistin: V. Lisitsa


Regine Müller, RONDO Ausgabe 6 / 2016



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