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(c) Lutz Leitmann

Musikstadt – Bochum

Die Kirche bleibt im Dorf

Mit Turm, ohne Elfenbein: Das neu eröffnete Musikforum Ruhr bietet den Symphonikern ein Heim – und als Exempel noch viel mehr.

Der Weg vom Hauptbahnhof weist nach links, dorthin, wo nach ein paar Metern Ruhrgebiet- Tristesse plötzlich ein urbanes Ausgehviertel lockt, das weit über Bochum hinaus bekannte Bermuda3Eck mit jungen Leuten, die zeigen, dass dies eine beliebte Studentenstadt ist. Noch bevor man den roten Zebrastreifenteppich über die Ampel erreicht, präsentiert sich das Ensemble: ein neogotisch spitzer Backsteinturm über der Chorkapelle, links ein großer Kubus aus helleren, eigens farblich abgetönten Ziegeln, rechts ein kleiner. Und die großen Lettern an der Wand verkünden freudig: Anneliese Brost Musikforum Ruhr.
Hier nun, in dem von den Stuttgarter Architekten Bez + Kock geplanten Ensemble löst sich in Wohlklang und -gefallen auf, was eine fast drei Jahrzehnte lange schwere Geburt hinter sich hat: ein neuer Konzertsaal für ein bisher heimatloses Traditionsorchester in einer bankrotten Kommune. Um den man endlos stritt, der mehrmals kurz vor dem Planungsstart wieder fallengelassen und aufgeschoben wurde. Für den sich aber auf einmal eine geniale, gleich drei Problemfälle lösende Formel fand. 38 Millionen Euro günstig, fast zur Hälfte von Bürgerspenden bezahlt – und rechtzeitig ohne wesentliche Baukostensteigerungen fertig geworden.
Der Name der neuen Konzerthalle, die auch einen Teil Bochumer Geschichte in Gestalt der quasi von den Musikaktivitäten umflossenen katholischen St. Marienkirche eingemeindet, steht für das, was folgen soll. Die Bochumer Symphoniker und die Musikschule Bochum fungieren als Hauptnutzer, Klangkollektive der Region finden künftig Auftrittsmöglichkeiten, zu denen für überregionale Aktivitäten auch die Ruhrtriennale zählt.
So will man auch künftig teilhaben lassen, sich nicht abschotten, sondern einladen in zwei so funktionale wie schöne und praktische Konzertsäle, die zugleich die alte katholische Kirche – 1872 eröffnet, 1944 ausgebrannt, 1953 wiederaufgebaut, 2002 entweiht und seitdem nutzlos mahnend – liebevoll umarmen. In Gehweite zum Bahnhof und mit allerbester Verkehrs- wie urban-gastronomischer Anbindung.

Kluges Ende einer Wanderschaft

Eigentlich verrückt, dass man nicht schon früher auf diese kluge, alle – die stetig wachsenden Beteiligten wie Geldgeber – enthusiasmierende Idee gekommen war. Und sich stattdessen dauernd neu und kräftezehrend in Visionen von schöngeistigen Luftschlössern verrannt hat, um den seit ewig heimatlosen Bochumer Symphonikern ein angemessenes Domizil und nicht nur ein lausiges Provisorium zu verschaffen.
1918 gegründet, war das inzwischen frech BoSy gerufene Orchester zunächst dem damals schon unter Saladin Schmitt mit seinen Shakespeare-Aufführungen Furore machenden Bochumer Schauspielhaus zugeordnet, wo noch große Bühnenmusiken Usus waren. Als einziger Klangkörper in der Region war es keinem Opernhaus verpflichtet – und hatte daher auch kein festes Domizil. Das blieb über die Zwischen- und Nachkriegsjahre so, immer neu wurden Ansätze unternommen und der richtige Zeitpunkt verpasst oder ein Konzept für einen Saal verfehlt.
Die unendliche Bochumer Konzertsaalgeschichte wurde eine tragisch-sinfonische Lachnummer. Das Orchester aber zog so gequält wie unverdrossen mit Mann, Frau, Sack, Bass, Pauke und Flügel durch diverse Probenräume und Behelfsspielstätten. Am besten hören konnte man sich auf Tourneen, welche die für ihre mutige Repertoireplanung ausgezeichneten, weit über die Grenzen der Stadt gelobten Bochumer Symphoniker durch die ganze Welt führten.
Irgendwie muss er gespürt haben, dass am Ende des Konzertsaaldrama-Tunnels ein Lichtlein warten würde, ansonsten wäre der viel gefragte, in Berlin lebende Amerikaner Steven Sloane als inzwischen dienstältester Generalmusikdirektor der Republik nicht 22 Jahre in Bochum geblieben. Das Verharren hatte offenbar Methode und führte schließlich zum Ziel. Stolz führt Sloane jetzt die patenten, heimeligen, dabei völlig auf das Praktische reduzierten Möglichkeiten vor, die das schließlich an der richtigen Stelle lozierte, clever erdachte Projekt mit einer Millionenspende der WAZ-Eignerfamilie als Musikzentrum Wirklichkeit werden ließen. Aber mehr noch: 20.000 dafür zahlende Bürger bewiesen, dass ihnen dies ein Anliegen ist.

Klang-Tempel ohne Allüren

Man betritt das Klangforum von den beiden Seiten der Chorapsis, geht vorbei an der quasi nun im alten Allerheiligsten stehenden Kassenbox und wird über Stufen durch den sanftweißen Kirchenraum mit seinem erhaltenen Mix aus Neogotik und Fifties-Deko zu den Gardeoben unter der alten Empore geführt. Hier sind Empfänge, aber auch Kammermusik und Einführungen möglich, alles ist flexibel und durchdacht. So wie auch der Saal rechts, der für Kammermusik dient, vor allem aber für den Unterricht der mit über 10.000 Kindern riesengroßen Bochumer Musikschule.
Links aber geht es ins neue Allerheiligste, dem den Symphonikern endlich eigenen Konzertsaal. 20 Mal im Jahr darf auch die Musikschule hier spielen, ebenso können andere nichtkommerzielle Veranstalter auftreten. So will man den Burgfrieden bewahren, dass den nahen Konzerthallen in Düsseldorf, Köln, Dortmund, Essen und Duisburg keine Besucher abgezogen werden, und verspricht sich trotzdem maximale Auslastung der 960 Plätze.
Der ein wenig versenkte Kubus schließt genau mit der Traufhöhe des Kirchenschiffs ab, über zwei großzügige Seitentreppen und einen Mitteleingang landet man direkt im ersten Rang, der sich hinter dem vergleichsweise kurzen Parkett anschließt. Noch einen zweiten Stock geht es hoch. Auf jedem der hellgrauen Sitze im Saal mit seiner naturhaft gedeckten Farbanmutung aus Kirschholz und verflochtenen Stahlbändern, außen ebenfalls Klinkerwänden, den lokalen Materialien eben, hat man optimale Nahsicht.
Und man hört gut! Es gelang ein direkter, klarer, volumenreicher Klang. „Jetzt müssen wir freilich ganz anders spielen lernen, weil wir uns plötzlich optimal hören können“, grinst Steven Sloane als hochzufriedener Hausherr. Was ihm nicht schwerfallen dürfte. Es ist ein transparentes Haus geworden. Durch eine über alle Etagen laufende Glasscheibe kann man backstage den Musikern zuschauen. Hinten ist ein bequemer Greenroom als Ort für den sozialen Austausch der Orchestermusiker; dem schließt sich direkt das Dirigentenzimmer an, so dass bei offener Tür auch hier der direkte Zugang möglich ist. Großzügig, aber nie luxuriös zeigen sich Garderoben und helle Büros.
Gegenüber vom Bühneneingang liegt eine Flüchtlingsunterkunft. So wissen die Ankommenden immer, wo sie sind. Und so steht das Musikforum jetzt also da. Als hätte es nie anders kommen können und sollen. Reell und sympathisch. Ohne Wow! Aber doch eine Wucht.

www.bochumer-symphoniker.de


Ausblick in die Eröffnungssaison

Natürlich ist auch der hier verwurzelte Supergeiger Frank-Peter Zimmermann, dem Orchester eng verbunden, bereits aufgetreten. Nicht zum letzten Mal. Steven Sloane pflegt weiter seinen Mahler. Und später in der Saison, am 4. März, kommt – natürlich – auch Oberbochumer Herbert Grönemeyer und dirigiert Beethovens 5. Sinfonie! Es gibt die BoSys im Fokus, als Matinée, mit Concerto, Pur oder nur als Quartett, als Camera und in Town, in der Lounge und im Salon. Und den Ideen für noch ausgefallenere, überraschendere Konzertprogramme sind jetzt fast keine Grenzen mehr gesetzt. Auf „arte Concert“ ist übrigens der bewegende Live-Mitschnitt dieser ganz besonderen Eröffnung weiterhin abrufbar.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 6 / 2016



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