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Royal Opera London (c) Bill Cooper

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Viel Spaß hatten wir in LONDON. Hier gibt es sogar nach einem musiklosen Zwischenspiel Beifall: Da steppen elf monströse Pappnasen, die doch sehr deutlich an männliche Genitalien erinnern, fröhlich vor sich hin. Schließlich soll ein Werk über Paranoia und Kastrationsangst auch seine Revuenummern haben.
Typisch Barrie Kosky eben, der mit vielen Faxen und Schostakowitschs „Die Nase“ zur Freude des Publikums am ROYAL OPERA HOUSE debütierte. Es gibt einen graugesäumten, in diversen Größen vorhandenen, auch fahrradfahrenden Tisch als zentralen, antinaturalistischen Schauplatz, von dem aus sich das tolle Treiben wie aus dem Kopf des Protagonisten Kovalov zentrifugal entfaltet.
Dazu Otto Pichlers wie stets sexy Männertanztruppe aus Bartmädchen mit Netzstrümpfen, die aus dem schrillen, zwischen Balalaika und Bumbum oszillierenden Stück fast ein Musical machen. Dazu swingen Buki Shiffs Kostüme zwischen Matrjoschka-Rosenbuntheit und Twenties-Eleganz. Trotzdem gibt es stille Momente. Und den tollen, zwischen Charakterbariton- Pomposo und traurig alleingelassenem Vertrocknen schwankenden Martin Winkler als zeitweilig nasenlosen Beamten Kovalov. Im Graben sorgt der stückerfahrene Ingo Metzmacher dafür, dass der Krach aus Trillerpfeifen und kreischigem Blech nicht zu mutwillig wird, dass die leisen Stellen Kontur und Tiefe bekommen.
Und auch aus MÜNCHEN gibt es Erfreuliches zu berichten. Da debütierte Elīna Garanča als Donizettis „La favorite“. Sie ist rätselhafte Hitchcock-Eisfrau und blondes Mezzogift. Und hat doch etwas passiv Durchscheinendes, Mitleiderregendes – das sich in ihrem zurückgenommenen, gar nicht prunkvoll auftrumpfenden Singen eindrücklich-anrührend manifestiert. Und auch sie zieht das Publikum im NATIONALTHEATER in ihren Bann. Weil sie – wie Mariusz Kwiecień als ihr unsympathischer Königsgeliebter – nicht nur eine exzellente Sängerin, sondern auch eine sehr gute Schauspielerin ist. Garanča-Gatte Karel Mark Chichon steht am Pult. Er entlockt dem Staatsorchester viele Nuancen, variiert spielerisch die Tempi. Er wird aber oft zu knallig – und zwingt die Sänger zum Forcieren. Am meisten nimmt das den Tenor Matthew Polenzani mit, der immer weniger Belcanto singt, aber doch berührt – als Mönch, der sich von einer Unbekannten verführen lässt, um zu entdecken, dass sie die Geliebte des Königs ist.
Schön war es auch bei einem „Figaro“ an der SCALA, ist doch Italien gern gefährliches Mozart-Terrain. Doch der englische Regisseur Frederic Wake-Walker hatte ein hübsches Konzept für sein Mailänder Debüt: Die Liebe ist eine ewige Baustelle und das Leben ein dauerndes Abenteuer, das Arme wie Reiche gleichermaßen durcheinanderwirbelt auf einer Drehbühne der Zeit.
Die Ouvertüre, von Franz Welser-Möst – ein Hausdebütant erstaunlicherweise auch er! – konturenscharf ziseliert in gesunder Mischung aus historisch informiert und schön gespielt, öffnet den leeren Bühnenraum, der Figaro allein gehört, so wie am Ende wieder. Es gibt historisierende Kulissen, die nicht zusammenpassen wollen. Mit feiner Lasur und fester Höhe singt Diana Damrau ihre erste Gräfin. Als Rokoko-Punk eines Vivien-Westwood Musterbuch. Lebendig ist die Susanna von Golda Schultz mit viel sahnigem Sopranwohlklang. Markus Werbas Figaro hat mit Carlos Álvarez als autoritärem Herren schon einige Liebesabenteuer erlebt. Marianne Crebassas Cherubino glänzt mit drängendem Mezzo.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 6 / 2016



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