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Hier sitzt das Publikum von morgen © Sebastian Runge/konzertreihe.net

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Auf die Plätze, fertig – Kunst!

Kürzlich in der Kölner Philharmonie. Der amerikanische Orgeltornado Cameron Carpenter gastierte mit einem reinen Bach-Abend und natürlich auch mit seiner cockpitgleichen Touring Organ. Und zum Schluss bebte die prächtig besuchte, bestimmt zu 70 - 80 Prozent gefüllte Philharmonie. Ein Orgelabend nicht vor ein paar verstreuten Zuhörern, sondern in fast voller Hütte – das ist inzwischen gar nicht mehr unüblich, seitdem solche musikalisch kunterbunten Könner wie Carpenter oder seine lettische Kollegin Iveta Apkalna die Orgellungen mächtig durchpusten. Auch solche Live-Erlebnisse sind es denn, mit denen man dem Hardcore-Kulturpessimisten den Wind aus den Segeln nehmen kann. Denn seine These von einer Klassikbranche, die auf dem absterbenden Ast sitzt und nur noch von einem ergrauten Rentnerpublikum am Leben erhalten wird, ist ziemlicher Blödsinn. Auch wenn sich Hörgewohnheiten verändert haben, so konnten sich doch selbst die traditionellen Silvester- und Neujahrskonzerte gerade 2016/17 im Fernsehen und im Radio vorzeigbarer Quoten erfreuen. Und wer etwa nach Hamburg zur Elbphilharmonie blickt, der reibt sich verblüfft die Augen – angesichts des Non-Stop-Runs auf die Tickets für Klassik-Konzerte jedweder Couleur.
Trotzdem sollte man sich nicht gemütlich zurücklehnen, sondern immer weiter an interessanten Konzertformaten arbeiten, um neues Publikum zu generieren. Genau das haben sich daher nun auch die deutschen Musikhochschulen mit einer neuen Konzertreihe auf die Fahnen geschrieben, die man vom 17. bis 21. Januar in Berlin vorstellt (www.konzertreihe.net).
Drei Musikhochschulen und ein Orchester, das sich aus Studierenden verschiedener Hochschulen zusammensetzt, zeigen dabei außergewöhnliche, interdisziplinäre Projekte. Ein Ensemble der Frankfurter Musikhochschule stellt Igor Strawinskis „Feuervogel“-Suite zusammen mit Tänzern im Konzerthaus am Gendarmenmarkt vor. Die Saxophonistin Asya Fateyeva ist in einer Konzertperformance mit Musik von Händel, Purcell und Thomas Kessler zu erleben. Und während das vision string quartet Schuberts Quartett „Der Tod und das Mädchen“ im Dunklen spielt, denkt das STEGREIF – the improvising symphony orchestra Schuberts C-Dur-Sinfonie mit Jazz und Techno weiter. Für die neue Konzertreihe hat übrigens Sebastian Nordmann, seines Zeichens Intendant des Konzerthaus Berlin, die Künstlerische Leitung übernommen. Und auch er hat bei der Präsentation noch einmal auf etwas ganz Entscheidendes hingewiesen: „Der Markt steckt nicht in der Krise, sondern er ist vielmehr im Wandel. Damit dieser Wandel nicht zu einer Form der ‚Häppchenkultur‘ führt, gestalten wir ihn aktiv. Das bedeutet, innovative Formate zu finden und zugleich unseren Qualitätsanspruch zu bewahren. Die deutschen Musikhochschulen können zu wichtigen Orten dieser Entwicklung werden. Unsere Konzertreihe bietet ihnen ein Schaufenster, in dem musikalische Traditionspflege und Innovation gleichermaßen zur Geltung kommen.“

Guido Fischer



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