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Salzburger Osterfestspiele

Brünnhilde, wach auf!

Nicht Rekonstruktion, sondern Re-Kreation: An der Salzach lässt man zum 50. Jubiläum die legendäre „Walküre“ neu erstehen.

Retro. In der Mode ist das ja schon lange ein beständig aufflackernder Trend, in der Bühnenkunst kam er eher selten vor. Auch da gab es Retromode und Retrobühnenbilder, meist um eine Epoche karikierend aufzuspießen. Aber die Wiederbelebungen von alten, legendären Inszenierungen, deren Schöpfer längst tot sind? Daran hat man nur selten, eigentlich nie gedacht. Einfach deswegen nicht, weil sich der Geschmack ständig ändert, weil Produktionen abgespielt sind, neue Namen auf die wenigen Premierenplätze drängeln. Musiktheater entsteht für den Augenblick, nicht für die Ewigkeit.
Und dann gibt es im deutschsprachigen Repertoiretheater natürlich Inszenierungen, die einfach nie ersetzt wurden, allen voran der Mannheimer „Parsifal“, der dieses Jahr 60. Jubiläum feiert. Oder die alten Wiener Operndamen „Madama Butterfly“ (Jahrgang 1957) und „Tosca“ (von 1958). Antiquitäten, zeitlos meist sogar als versatile Spielplanschlachtrösser erstaunlich gut aufpoliert.
2017 aber scheint das Jahr der Rekonstruktionen zu werden. In Lyon wird im März gleich ein ganzes Festival daraus, mit der Wiederauferstehung dreier Toter: Von Heiner Müller wird dessen Bayreuther „Tristan“ von 1993 wiederbelebt, von Ruth Berghaus eine „Elektra“ aus dem Jahr 1986 und die 1999er „Poppea“ von Klaus Michael Grüber – was gut zum 450. Monteverdi-Geburtstag passt. Katharina Wagner soll für Prag im Frühsommer den „Lohengrin“ ihres Vaters Wolfgang von 1967 exhumieren, und in Mailand kommt Giorgio Strehlers berühmte Salzburger Scherenschnitt- Inszenierung der „Entführung aus dem Serail“ von 1965 wieder heraus. Der Regisseur ist zwar seit 1997 tot, aber am Pult steht derselbe Dirigent wie damals: Zubin Mehta.

Kosmischer Universalraum

In diesen Reigen prominenter Rückbesinnung reihen sich scheinbar auch die Salzburger Osterfestspiele ein. Dort besinnt man sich anlässlich des 50. Festspieljubiläums neuerlich der „Walküre“ des Teams Herbert von Karajan und Günther Schneider-Siemssen. Doch geht man hier anders vor, als mit Hilfe von damaligen Regieassistenten und -büchern eine historische Inszenierung zu rekonstruieren. Die beiden Salzburg-Chefs, Christian Thielemann und Peter Ruzicka, der künstlerische Leiter und der geschäftsführende Intendant, sie sprechen von einer Re-Kreation.
Herbert von Karajans Name steht dabei nur Pate für den Gründergeist des 1967 von ihm ins Leben gerufenen Privatfestivals, das der Übermaestro zunächst anschob, um mit dem in vier Folgejahren bis 1970 zu sehenden „Ring des Nibelungen“ eine Art von österreichischem Gegen-Bayreuth zu etablieren. Einen weiteren „Ring“ gab es dann unter Sir Simon Rattle von 2007 – 2010. Diesmal ist freilich nur die „Walküre“ geplant, als Hommage an Karajan und den 50. Geburtstag der Osterfestspiele. Und es wird eben nicht Karajans gern als statisch belächelte Dunkelregie wiederaufbereitet.
Genauso wenig wie die Kostüme von damals rekonstruiert werden. Deren Figurinen dienten dem Bühnenbildner Jens Kilian lediglich als Orientierungs- und Assoziationsmaterial. Was aber mit den Materialen und technischen Möglichkeiten unserer Zeit wirklich akribisch nachempfunden werden soll, das sind die legendären Bühnenbilder von Günther Schneider-Siemssen. Der ahnte mit seinem kosmischen Universalraum nicht nur den Geist und die Optik vieler danach kommender Science-Fiction-Filme voraus, er wurde mit seinen meist eigens konstruierten technischen Finessen und Projektionsapparaten auch zu einem Vorbild für viele Kollegen. Und nicht zuletzt sagte man schon damals, Richard Wagner wäre über eine solche perfekte Realisierung seiner Theaterträume glücklich gewesen. 1876 musste er sich beim ersten Bayreuther „Ring“ aus pekuniären wie technisch möglichen Gründen doch sehr einschränken.
Peter Ruzicka sagt zu diesem besonderen Ansatz: „Meine Überlegung war es, im Jubiläumsjahr 2017 die ikonenhafte Bühnenarchitektur von Schneider-Siemssen aus dem Jahre 1967 mit einer Personenregie in Beziehung zu setzen, die heutiger szenischen Ästhetik (bei neuem Kostümbild) entspricht.“ Deshalb wird Jens Kilian mit Videoprojektionen arbeiten können, wo sich der 2015 verstorbene Schneider-Siemssen noch mit bemalten Glasplatten begnügen musste, die dann auf den riesigen Rundhorizont und diverse Nesselzwischenvorhänge projiziert wurden. Was trotzdem gewaltigen Effekt machte, wie etwa in der Unitel-Verfilmung des ein Jahr später herausgekommenen „Rheingold“ zu bestaunen ist.
Bei den Vorbereitungen zu dem ungewöhnlichen Projekt konnte sich Kilian auf die Skizzen dieser Glasbilder stützen (von denen nur noch drei Originale vorhanden sind), es gab zudem – bei einer vergleichsweise geringen Anzahl von historischen Bühnenfotos – jede Menge technischer Zeichnungen und einen längst pensionierten Schlosser, der sich an viele Details der technischen Umsetzung von 1967 erinnern konnte. Peter Ruzicka führt weiter aus: „Der Vertrag wurde von mir noch zu Lebzeiten von Günther Schneider-Siemssen abgeschlossen. Sämtliche Materialien aus unserem und seinem Archiv standen deshalb zur Verfügung.“ Informell eingebunden wurde auch Eliette von Karajan, die Witwe des Dirigenten. Ruzicka: „Sie ist von der Idee der Re- Kreation sehr fasziniert.“

Zeitreise ins Heute

Äußerst wichtig ist deshalb natürlich die Regie, die einen eigenen Ansatz verfolgen wird, aber eben auf Grundlage der vorhandenen Optik. Dafür wurde Vera Nemirova ausgewählt, die mit Christan Thielemann bereits gearbeitet hat. „Es ist eine Neuinszenierung, aber in einem Raum, der Geschichte geschrieben hat und den wir sozusagen in die heutige Zeit holen“, erklärt sie ihre Vorgehensweise. „Ich habe einen sehr erfolgreichen ,Ring’ in Frankfurt gemacht. Ich freue mich immer wieder, diesem Stück zu begegnen: eine wunderbare Musik, eine fesselnde Geschichte, die einen ein Leben lang begleitet. Und ich freue mich, dass ich Jens Kilian für die Rekonstruktion des Bühnenbilds und die Gestaltung neuer Kostüme gewinnen konnte. Er ist für mich ein wichtiger Weggefährte. Wir haben auch den Frankfurter Ring gemeinsam gemacht, und jetzt geht unser gedanklicher Prozess weiter.“
Was beabsichtigt Vera Nemirova mit dieser ungewöhnlichen Verbindung von historisch und heutig? „Ich erhoffe mir sehr, dass wir mit dieser Produktion eine ästhetische und inhaltliche Diskussion anstoßen über Theater und Musiktheater. Ich glaube, dass der Raum so universell ist, dass er wirklich zeitlos ist und dass die Geschichte, die wir dort sehen und erleben werden, dem standhält – noch heute.“ Ob der Zeitsprung von 50 Jahren klappt, darüber werden vielleicht auch wichtige Zeugen eine Aussage machen können. Denn wahrscheinlich werden zwei Sängerinnen, die in der Eröffnungspremiere der „Walküre“ 1967 mitgewirkt haben, 2017 als Gäste dabei sein. Und weitere 29 Personen, die schon damals als Förderer aktiv waren, sind es bis heute.

www.osterfestspiele-salzburg.at


Das volle Programm

Zum 50. Jubiläum der Salzburger Osterfestspiele, die vom 8.-17. April stattfinden, gibt es nicht nur die stark nachgefragte „Walküre“. Michael Sturminger inszeniert die Kammeroper „Lohengrin“ von Salvatore Sciarrino. Franz Welser-Möst leitet als Gastdirigent Mahlers Neunte Sinfonie mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Im Chorkonzert unter der Leitung von Myung-Whun Chung sind Anna Prohaska, Adrian Eröd und Cameron Carpenter als Solisten zu erleben. Das Konzert für Salzburg bestreiten Christian Thielemann und Lorenzo Viotti. Und zwei besondere Gastorchester gratulieren den Festspielen musikalisch: die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle und die Wiener Philharmoniker unter Christian Thielemann.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 1 / 2017



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