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(c) Rupert Steiner

Theater an der Wien

Der Plüschtempel vom Naschmarkt

Das Theater an der Wien bildet die kreative Spitze der herrlichsten Wiener Opernwelt. Weil es will? Nein, weil es muss!

Hier grantelte Beethoven höchstselbst am Pult. Hier gingen „Fidelio“ und Beethovens Sinfonien Nr. 2, 3, 5 und 6 erstmals über die Bühne. Hier walzte die erste „Lustige Witwe“, die erste „Fledermaus“ und der erste „Zigeunerbaron“. Hier war Emanuel Schikaneder Theaterdirektor. Und die Heimat des legendären Wiener Mozart- Ensembles war hier auch (als die Staatsoper zerstört war). Man müsste eigentlich einen Semmelknödel im Hals haben vor lauter Ehrfurcht und historischem Theaterdusel.
Wer eine Vorstellung im Theater an der Wien besucht – direkt gegenüber vom Naschmarkt –, merkt von alldem wenig. Der Wiener hält den Ball flach, kaum anders als der Berliner. Seit dem Mozart-Jahr 2006 wird das Theater an der Wien, nachdem es jahrelang in Musical- Zwangshaft genommen war, endlich wieder als „drittes Opernhaus“ der Stadt geführt. Jede der acht Neuproduktionen findet international fast mehr Beachtung als sämtliche Premieren der übrigen Musiktheater in Österreich. Und das bei nur etwa acht Vorstellungen pro Monat.
Luxuriöse, vielleicht sogar dekadente Verhältnisse. Angesichts der traditionellen Arbeitsweise der Wiener Staatsoper und Volksoper war es nicht schwer, hier endlich Anschluss zur Alten Musik zu finden. Hier dirigierte Nikolaus Harnoncourt Mozart-Opern. Nach ihm sind René Jacobs, Christophe Rousset, Jean-Christophe Spinosi und Marc Minkowski regelmäßige Gäste. Koproduktionen, eine andernorts gern grassierende Theaterkrankheit, meidet man. Avanciertere Regisseure wie Peter Konwitschny, Andrea Breth oder Christof Loy gaben ihre Wiener Opern-Debüts hier. Aus Premieren-Sicht ist das Theater an der Wien nicht das dritte, sondern das erste Haus am Platz.
Die laufende Saison etwa! Nachdem einige Höhepunkte wie Salieris „Falstaff“ (unter Jacobs) und „Macbeth“ (mit Placido Domingo) schon vorbei sind, bieten sich immer noch Ausflugsziele zuhauf. Werner Egks großartige „Peer Gynt“-Oper (mit Bo Skovhus und Maria Bengtsson, 17., 19., 22., 25., 27.2., 1.3.) ist eines der verkannten Meisterwerke des 20. Jahrhunderts. Bei Rossinis „Elisabetta Regina d’Inghilterra“ in der Regie von Amélie Niermeyer (17., 19., 21., 24., 26., 28.3.) handelt es sich um eine Belcanto-Perle, die man selbst auf Spezialisten-Festivals nur alle Jubeljahre findet. Und Hans Werner Henzes „Elegie für junge Liebende“ (mit Johan Reuter, Laura Aikin und Angelika Kirchschlager, 2., 4., 7., 9., 11.5.) ist ein Schatz, der seit seiner Uraufführung 1961 kaum je wieder gehoben wurde.
Um den Spielplan aufzupolstern, wurde 2012 die Wiener Kammeroper (mit eigener Bühne) angegliedert. Konzertante Raritäten (im Haupthaus) wie etwa Hasses „Piramo e Tisbe“ mit Vivica Genaux (28.2.), Porporas „Germanico“ mit Max Emanuel Cencic (30.3.) sowie Star-Vehikel wie „Ariodante“ mit Joyce DiDonato (12.5.) sind Sachen, die man nirgendwo sonst kriegt – weder in Wien noch anderswo. Kurz: Der Plüschtempel an der Linken Wienzeile wusste genau, dass er besser sein müsse als der Rest der Welt, wenn er überleben wollte. Klare Ansage. Er hat’s befolgt.

www.theater-wien.at

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2017



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