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(c) Monika Rittershaus

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Die plüschige Oper in Stockholm ist inzwischen Christof Loys zweites Inszenierungswohnzimmer. Hier macht er Dinge, die ihm am Herzen liegen, vielleicht ein wenig anrüchig sind. So wie den Diven-Heuler „Fedora“. Da müssen wir hin! Es hat sich gelohnt. Jetzt schätzen wir Umberto Giordanos süffiges Gesellschaftspanorama. Natürlich ist die kosmopolitische Story aus dem russischen Hochadelsmilieu um Verliebtheit, Verwechslungen, Duelle, Geheimpolizei, falsche Bezichtigungen, unschuldiges Sterben und eine Vergiftung aus Reue blühender Kitsch. Aber unter der Kolportage lodert die direkt auf den Bauch zielende Emotion.
Loy bricht konsequent auf, vermeidet pudriges Milieu. Ihm geht es um Klarheit, Kausalität, die Strudel sich überschlagender, in Liebesmomenten emphatisch retardierender, umso unausweichlicher auf die finale Katastrophe zueilender Ereignisse, die in 95 Minuten wie ein Film durchschnurren. Was der Musik Fluss gibt, ihr dramatisches Kalkül, ihre Effektivität und mitreißende Manipulationsfähigkeit betont.
Die Litauerin Asmik Grigorian macht das fabelhaft, mit auch mal harten, schneidenden, stets zur Verführung fähigen Tönen. Und übertüncht nicht die Todessehnsucht, der sie sich am Ende hingibt. Erschöpft vom leeren Luxusleben, dem auch Graf Loris Ipanoff (solide: Andrea Carè), den sie für den Mörder ihres Mannes hält und in den sie sich trotzdem schicksalshaft verliebt, keinen neuen Sinn geben kann.
Es geht weiter nach Brüssel, wo es Rimski-Korsakow gibt, „Der goldene Hahn“. Der Zar führt darin einen Krieg und ist ein bornierter Idiot. Er wird von seinem Spielzeug getötet. Danach werden die Verhältnisse nicht besser. Das war 1909 ein singender, klingender Frontalangriff auf die Romanow-Obrigkeit. Und hat immer noch Stacheln. Als frech krähende Satire auf die autokratischen Zustände der damaligen Welt stellt es Laurent Pelly auf eine düstere Schlackehaufen-Einheitsbühne: eine zeitlose Parabel, fast ohne aktuelle Anspielungen, es ist auch schon so zum Weinen lustig.
Nur am Ende, da steht das neobarocke Bett des Zaren Dodon (angeödet und aufgeblasen zugleich: Pavlo Hunka) als Symbol seiner Faulheit wie seines umschränkten Machtbereichs auf dem Roten Platz. Doch dieser Prospekt fällt bald, dahinter marschiert schon Proletariermasse. Der neue Chefdirigent Alain Altinoglu gestaltet effektvoll gehärtete Rhythmik, deftigen Hang zur Groteske, aber auch weiche Farbopulenz. Keiner gewinnt in dieser bitteren, russischen Offenbachiade, die so verführerisch schön klingelt.
Unbedingt mussten wir noch nach London ans Royal Opera House. Dort startete Renée Fleming ihren angekündigten Bühnenabschied mit einem letzten, später noch nach New York exportierten „Rosenkavalier“. Robert Carsens überarbeite, schon 2004 in Salzburg nur bedingt funktionierende Inszenierung als Wetterleuchten des großen Weltkriegs bleibt auch als Aufguss blässlich, oft vulgär. Die Mitsänger sind nur mittelgut, und Andris Nelsons kann lediglich laut und leise, ist effektvoll, lässt Zwischentöne vermissen.
Die hat die 57-jährige La Fleming in reichem Maße. Amerikas regierende Königin der Soprane sang ihre erste Marschallin mit 35. Die Partie ist mir ihr gereift, verwachsen. Musikalität, Energie, Disziplin, Wandlungsfähigkeit: eine noch schöne, jetzt perlmuttmattierte Stimme im Abendschein. Diese Marschallin verliert auch beim post-koitalen Korridorgerangel samt vorletzter Zigarette danach keinen Opernmoment lang ihre Würde.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 1 / 2017



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