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Mal Wüterich, mal Würdenträger: Michael Naura (c) Künstler

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Eine Jazz-Autorität

Ein Diplomat vor dem Herrn war Michael Naura so gar nicht, eher das genaue Gegenteil. Einer, der nicht nur kein Blatt vor den Mund nahm, sondern alle Register zog, um seinem Unmut freien Lauf zu lassen. In der vielleicht berühmtesten Anekdote über den Wüterich Naura spielt daher auch ein Schweinefuß eine tragende Rolle. So soll er empört über den Veriss eines Kritikerkollegen diesem eben solch eine „Sauerei“ per Post zugeschickt haben – mit den beiliegenden Worten „Das ist die Hand, die den Artikel geschrieben hat.“ Solche Protestaktionen konnte sich Naura aber durchaus erlauben, schließlich hatte man ihn da bereits längst zum deutschen „Jazz-Papst“ gekürt, ohne den die deutsche Jazzszene ab den 1960er Jahren wohl in ganz anderen Bahnen verlaufen wäre.
Der pianistische Autodidakt, der im heutigen Litauen geboren wurde, führte neben Albert Mangelsdorff eines der angesagtesten Quintette an. Ab 1971 übernahm er dann die NDR-Jazzredaktion. Und dort entwickelte er – so der schottische Jazztrompeter und Miles Davis-Biograph Ian Carr später in einer kleinen Naura-Hommage – „das weitgespannteste und interessanteste Jazz-Programm Europas.“ Quer durch alle Jazz-Stile präsentierte Naura ab sofort und bis zur Pensionierung 1999 alte Hasen und Newcomer. Mit dem Dichter Peter Rühmkorf entwickelte er die Reihe „Jazz & Lyrik“. Und nicht zuletzt die von Naura verantworteten Live-Übertragungen aus dem Musikclub „Onkel Pö“ ebneten so manchen Talenten den Weg. So holte er dafür etwa Jan Garbarek und Pat Metheny nach Hamburg. 1976 gab Al Jarreau hier sein erstes Konzert und legte damit den Grundstein für seine Weltkarriere. Nun ist Michael Naura im Alter von 82 Jahren in seinem Bauernhaus in Hollbüllhuus/Nordfriesland gestorben – nur einen Tag nach Al Jarreau, der am 12. Februar im fernen Los Angeles ebenfalls nach langer Krankheit verstorben ist. „Michael Naura war brillant“, so NDR-Intendant Lutz Marmor in einer Würdigung. „Er verantwortete die legendären NDR Jazzworkshops, kämpfte unermüdlich für ‚seine‘ Musik und jazzte selbst am Klavier. Mit seinem Tod verliert der deutsche Jazz eines seiner Urgesteine.“

Reinhard Lemelle



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