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(c) Paul Marc Mitchell

Chen Reiss

Cherio!

Die israelische Sopranistin liebt ihren Mann, Zubin Mehta und Papst Franziskus. Auch ihre Zeit in der Armee bereut sie nicht.

Ja, es war anstrengend. Denn wieder ist ein wichtiges Debüt geschafft: Die israelische Sopranistin Chen Reiss hat in Wien ihre erste Zdenka gesungen, die kleine Schwester der launischen Arabella, die aus Finanzgründen als Junge verkleidet ist. „Das war lustig“, sagt die 38-Jährige, denn ich war zwar öfter schon der Junge auf der Bühne, aber diesmal musste ich auch ein Mädchen durchscheinen lassen.“ Was nicht leichter wurde, da diese Erstbegegnung mit einer schönen Rolle ohne Bühnen- und Orchesterproben stattfand – wie in Wien üblich. „Aber Peter Schneider ist eine große Strauss-Pultautorität, er hat mich gut be- und geleitet.“
Und dann spielten natürlich auch die Wiener Philharmoniker, das zweitliebste Orchester für Chen Reiss, deren patriotische Zuneigung freilich dem Israel Philharmonic Orchestra gehört. Für dieses Orchester, dem bald sein Chef nach über fünfzig Jahren abhandenkommen wird, weil er zurücktritt, hat Chen Reiss, deren Großeltern aus Ungarn, der Türkei und Syrien stammen, auch einen Freundeskreis geründet. Dort ist sie sehr aktiv und gestaltet mit ihm auch Benefizkonzerte. „Ja wir werden sehen, was dann passiert, das ist ein riesiger Einschnitt für das Orchester, umso wichtiger, dass es starke Freunde hinter sich hat.“
Ein väterlicher Freund ist Chen Reiss nach wie vor eben jener Dirigent, der jetzt in Tel Aviv kürzer tritt – Zubin Mehta. Ihm sang sie als junges Mädchen vor, später engagierte er sie zunächst als „Figaro“-Barbarina und empfahl sie dann an die Bayerische Staatsoper, eine wunderbare Durchstartposition für die junge Sängerin, die vorher auch noch brav ihren Militärdienst abgeleistet hatte: „Die ersten drei Wochen in der Armee waren schrecklich. Danach bin ich zum Glück im Militärorchester gelandet, und da war alles ganz anders. Und ich habe auch viel an Professionalität und Disziplin gelernt.“
Nach dem Münchner Nationaltheater wurde die Wiener Staatsoper so etwas wie ihr Heimathaus. Ihre lyrisch helle schöne Stimme mit perlender Koloraturfähigkeit hat freilich nicht nur Zubin Mehta gefallen, es gibt – neben ihrem Gatten, einem englischen Geschäftsmann, mit dem sie zwei noch sehr kleine, überallhin mitreisende Kinder hat – noch einen dritten wichtigen Mann in ihrem Leben: Papst Franziskus. Vor dem und 8000 anderen Zuhören hat sie 2014 im Petersdom während der Messe das von ihm gewünschte „Et incarnatus est“ von Mozart gesungen. „Das war wohl der magischste Moment meines Lebens, es war so spirituell“, erinnert sich Chen Reiss. „Denn ich liebe überhaupt geistliche Musik. Mich als Jüdin stört es überhaupt nicht, welcher Religion die entstammt. Weil ich das als Kind nie hatte, empfinde ich sie vielleicht besonders intensiv.“
Oper wie Konzert singt Chen Reiss gleichermaßen gern, ja sie war sogar am Soundtrack für den Blockbuster „Das Parfüm“ beteiligt, der gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle eingespielt wurde. Drei Solo-CDs gibt es mit ihr, die „Fledermaus“ und Lehárs „Fürstenkind“ lassen ihren Sinn für die leichte Muse hören. Für ihr nächstes CD-Projekt kann sie dafür dann aus dem Vollen schöpfen: Solo-Kantaten von Hasse mit Martin Haselböck.

www.chenreiss.com

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 2 / 2017



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