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(c) Lukas Beck

Wiener Johann Strauss Orchester

Das Walzer-Geheimnis von Wien

Nur das Wiener Johann Strauss Orchester spielt die Walzer und Polkas in Original-Besetzung. Erst so beginnen sie zu tanzen.

Ach, Wien … ! Hier beherrscht man noch die Geheimregeln des Schmähs. Und wie man Walzer spielt. (Das geht übrigens so: Den zweiten Schlag etwas rascher, den dritten mit leichter Verzögerung folgen lassen.) Besonders schön wird das im Neujahrskonzert praktiziert, wenn die Wiener Philharmoniker – ein Mal pro Saison – die Werke der Strauß-Dynastie zum Schäumen bringen. Wunderbar! Wirklich?
Naja. Man sollte nicht vergessen, dass die Wiener Philharmoniker, wenn sie in voller Stärke Walzer, Polkas und Gavotten spielen, diese Werke sinfonisch „aufmöbeln“. Ihr Charakter als Tanzmusik geht weitgehend verloren. Denn sie werden in Mahler- und Bruckner-Stärke gespielt. Mit um die 80 bis 100 Musikern. Weil das nicht ganz den Intentionen des Komponisten entspricht, wurde schon 1966 ein Spezialensemble gegründet, das sich an die historisch verbürgte Besetzung hält: das Wiener Johann Strauss Orchester.
„Die Besetzung mit genau 42 Musikern ist unser Alleinstellungsmerkmal“, sagt Georg Vlaschits, der seit Kurzem das als Verein geführte Orchester wieder bekannter machen will. Willy Boskovsky war es, der einst die besten Strauß-Aufführungen bei den Wiener Philharmonikern dirigierte. Boskovsky war es aber auch, der darüber hinaus das Wiener Johann Strauss Orchester berühmt machte, indem er es für zahlreiche Schallplatten-Aufnahmen verpflichtete (heute teilweise erhältlich bei Warner).
Kaum jemand weiß, dass es dieses Ensemble überhaupt noch gibt. Nur zwei Mal pro Jahr tritt das aus Profi-Musikern vor allem der Wiener Symphoniker und des Tonkünstler- Orchesters Niederösterreich gebildete Ensemble im Goldenen Saal des Musikvereins auf. Da man zumeist mit Dirigenten der Wiener Volksoper zusammenarbeitete, die keiner kennt (wie Franz Bauer-Theussl, Robert Bibl und Alfred Eschwé), führt das WJSO seit Jahren das Dasein eines Tanz- Mauerblümchens. Sehr zu Unrecht.
Gut kennen nur die Asiaten das Wiener Johann Strauss Orchester. Der Schwerpunkt der Aufführungstätigkeit liegt bei den Japan- und China- Tourneen, mit denen man sich finanziell über Wasser hält. Früher war das anders. Für den ORF nahm das Wiener Johann Strauss Orchester schon vor Jahrzehnten das Gros aller Strauß- Werke auf. Über 1000 (!) Aufnahmen, meistenteils unveröffentlicht, lagern bis heute in den Archiven.
Wer hört, wie das Orchester auf drei neuen, in Eigenregie produzierten CDs die „Zigeunerbaron“-Ouvertüre, den Walzer „Freuet euch des Lebens“ oder das „Seid umschlungen, Millionen!“ zum Tanzen bringt, lernt die Werke völlig neu kennen. Mit Johannes Wildner hat man sich einen Dirigenten geangelt, der schon früher bei Naxos große Teile des Josef und Johann Strauß-Erbes sehr respektabel eingespielt hat, leider mit einem anderen Klangkörper, einem slowakischen „Telefon-Orchester“.
Man lernt, dass wir die Sträuße falsch verstehen, wenn wir sie auf sinfonische Formate aufblasen. Sie sind leichtfüßiger, rhythmisch flüssiger, morbider als wir „Neujahrskonzertler“ uns das träumen lassen. Das Wiener Johann Strauss Orchester – dringend wiederzuentdecken! – ist das bestgehütete Walzer-Geheimnis von Wien.


Alle Termine, Infos sowie CD-Bestellung unter: www.wjso.or.at


Kai Luehrs-Kaiser, RONDO Ausgabe 2 / 2017



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