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Verrechnet? Till Brönners „House of Jazz“-Projekt liegt auf Eis (c) © Ali Kepenek/Universal

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Retourschein für Danaer-Geschenk?

Normalerweise sollte eine Stadt, die nach dem berühmten Slogan ihres Ex-OB stolz auf ihr „Arm, aber sexy“-Image ist, sich über jedes Geldgeschenk bzw. jede Investition freuen. Und 12,5 Millionen Euro als Anschubfinanzierung einer neuen Kultureinrichtung sind ja kein schlechter Anfang. Trotzdem hat Berlins neuer Kultursenator Klaus Lederer jetzt signalisiert, dass er das vom Bund bereitgestellte Geld nicht haben will, solange er nicht selbst darüber bestimmen kann, wofür es ausgegeben wird. Für Außenstehende hört sich das auf den ersten Blick an, als ob sich hier ein hochrangiger Landespolitiker in seinem Stolz gekränkt fühlt. Aber der Fall ist dann doch etwas verzwickter. Auslöser der Debatte ist die Idee des deutschen Aushänge-Jazztrompeters Till Brönner, in Berlin ein „House of Jazz“ auf die Beine zu stellen, das Konzertsäle, Studios und Proberäume bieten soll. Und auch ein Objekt dafür hatten Brönner und Lederers Vorgänger Tim Renner schon gefunden. Es sollte die sogenannte „Alte Münze“ in der Nähe des Roten Rathauses sein. Während der Jazz sonst gerne mal Schwierigkeiten bei der Mehrheitsbeschaffung hat, konnte dieses Konzept überraschenderweise sogar bei der Bundespolitik landen. Weshalb prompt eine stattliche Summe freigegeben wurde, um das „House of Jazz“ zu unterstützen.
Nun muss man sich allerdings auch fragen, warum so eine Art von Jazzförderung nicht schon lange in die eigentliche Jazzhauptstadt der Republik, nach Köln, geflossen ist. Aber Berlin ist ja eben Berlin und damit scheinbar das ideale Pflaster für so ein weiteres kulturelles Leuchtturmprojekt. In Brönner hatte man ja zugleich einen smarten Fürsprecher, der sowieso mit allen kann. Doch irgendwie hat gerade Senator Klaus Lederer sich vom Charme Brönners nicht einwickeln lassen, sondern einfach mal alles ordentlich durchgerechnet. Und Überraschung: Die 12,5 Millionen Euro würden lediglich ein Drittel bis maximal die Hälfte der Anfangsinvestitionen abdecken. Den Rest müsste irgendwie Lederers Ressort übernehmen. Kein Wunder, dass er daher jetzt die Reißleine ziehen will. Entweder man würde das Geld auch für die Finanzierung der freien Berliner Szene bzw. eines „Hauses für die Basiskultur“ überweisen (wenn dann aber bitte doch janz Berlinerisch hip „House of Basic Culture“) - oder man könne es sein lassen. „Natürlich freuen wir uns, wenn der Bund uns bei der Entwicklung kultureller Areale unter die Arme greift“, so Lederer. „Aber wir lassen uns keine Vorschriften machen, wo und wie wir diese Areale entwickeln sollen.“ Jazz kann versöhnen. Er kann aber auch spalten.

Guido Fischer



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