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(c) Jürgen Kranich/DG

Gundula Janowitz

Gruß vom Himmel

Zum 80. Geburtstag schenkt die Deutsche Grammophon dem Jahrhundert-Engel all ihre Aufnahmen in einer Box.

Die Dame, sie klang nach Knabe. „Schon immer hat man mir eine fast vibratofreie, knabenhafte Stimme nachgesagt“, so die großartige Gundula Janowitz. Der seraphische Ton, für den sie Einzigartigkeit beanspruchen darf, gefiel Dirigenten wie Herbert von Karajan und Karl Böhm so gut, dass sie die Sängerin zur prägenden Jubel- Sopranistin ihrer Generation machten. Fast 25 Jahre nach ihrem Rückzug, nach vielen Liebhaber- Reisen zu den Kunstschätzen Italiens auch, hat sie sich in der Nähe von Wien häuslich niedergelassen. Wo sonst.
Interviews gibt sie keine mehr. Es sei denn, sie wird von Kolleginnen wie Brigitte Fassbaender oder Christa Ludwig dafür aufs Podium genötigt. Mit letzterer sorgte sie, ohne auch nur einen Ton zu singen, noch unlängst für eine ausverkaufte Wiener Staatsoper. Zum runden Geburtstag wird sie als Ehrengast beim Richard Strauss-Festival in Garmisch erwartet.
Sie war nicht nur die beste, zugleich kühle Mozart-Interpretin ihrer Zeit, sondern die allerbeste „Ariadne auf Naxos“ wohl aller Zeiten (1968 mit der Staatskapelle Dresden unter Rudolf Kempe). Auch für Karajan machte sie gern Ausnahmen und sang sogar (nur ein Mal, live zu Beginn ihrer Karriere) die Kaiserin in der „Frau ohne Schatten“.
Trotz keuschen Timbres konnte sie auch anders. Ein Video aus Graz zeigt, wie die noch junge Janowitz todesmutig vor der Arie der Odabella aus Verdis „Attila“ nicht zurückschreckt. „Tja, wenn man jung ist …“, replizierte sie später. Hinter dem Goldglockenklang verbarg sich mitunter sogar eine spitze Zunge. Schüler, die es wagten, mit Kaugummi im Mund oder mit einem Anglizismus auf den Lippen ihre Meisterklassen zu besuchen, stellte sie erbarmungslos zur Rede. Sie war selber immer sehr ehrlich. „Mein Golgatha!“, so nannte sie ihren Auftritt als Leonore in Beethovens „Fidelio“ unter Leonard Bernstein. „Er mochte mich nicht“, so Janowitz. „Es war eine Tortur.“
Aber nicht nur ehrlich – schüchtern auch. Als sie einmal in Verdis „Requiem“ unter Karajans Leitung ihre liebe Mühe mit dessen Tempi hatte, wandte sie sich an ihre Kollegin Ludwig: „Christa, du musst zu ihm gehen, so kann ich das nicht singen.“ Christa Ludwig ging, bat um ein pfleglicheres Tempo und erhielt zur Antwort: „Wenn Sie das nicht singen können, meine Damen, muss ich mir eben bessere Sängerinnen suchen.“ Darauf Ludwig: „Herr von Karajan, bessere Sänger als uns finden Sie nicht.“ Sofort dirigierte er besser.
Auch bei Strauss’ „Vier letzten Liedern“ geht die enorm flinke Gangart Karajans, etwa bei „Im Abendrot“, darauf zurück, dass Janowitz den Maestro antrieb: „Bitte! Doppeltes Tempo!!“ (Zur Erklärung: Langsam singen ist schwiiiieerig …) Janowitz’ Stimme, mit anderen Worten, war zart und bedurfte gewisser Schutzvorkehrungen. Wurden sie eingehalten, war ihr Gesang ein Gruß vom Himmel. Nichts weniger.

Plötzlich Gräfin

Geboren am 2. August 1937 in Berlin, wohlausgebildet in Graz, verpflichtete Karajan sie 1959 an die Wiener Staatsoper. Dieser blieb sie treu auf Ehre. Noch in den späten 80er Jahren konnte es vorkommen, dass am Abend im „Figaro“ kurzfristig Gundula Janowitz als Gräfin einsprang (und neben ihr, gleichfalls ad hoc, Hermann Prey als Figaro). An der Seite von Fritz Wunderlich schmolz sie 1964 in Karl Richters maßstäblichem „Weihnachtsoratorium“ dahin. Sie trug die heilige Fackel einer Elisabeth Grümmer weiter, war bei Georg Solti die „Arabella“, bei Carlos Kleiber Agathe im „Freischütz“ und die Marschallin im „Rosenkavalier“. Erneut für Karajan wagte sie sich bis zur Sieglinde und zur Gutrune Wagners vor. (Und für Rafael Kubelik bis zu Eva in der konkurrenzlos schönsten Gesamtaufnahme der „Meistersinger“).
Immer umstrahlte sie eine Reinheits-Aura, ein flimmerfreies Image der Unberührtheit. Sie war die erste Sopranistin, die in einer Zeit, in der die Raucher dominierten und Alkoholkonsum zum guten Ton gehörte, den Nimbus einer von Rauschmitteln gänzlich unbelasteten Stimme verbreitete. Mit Sündenfall und Rotlichtbezirken konnte man sie kaum in Verbindung bringen. Die Janowitz, ein Jungfräulichkeits- Apostel? Warum nicht. Und das noch in Jahren, als sie längst Inbegriff einer hohen Dame geworden war.
Als Konzertsängerin in Haydns „Schöpfung“ oder in Orffs „Carmina burana“ hatte sie nicht ihresgleichen. Nur im italienischen Fach übte sie Zurückhaltung. Fast ihr ganzes Repertoire aber (mit Ausnahme der CD-„Ariadne“) entstand für die Deutsche Grammophon. Hier legt man ihr jetzt alles in einer Box mit 14 CDs allerfreundlichst auf den Geburtstagstisch. Sogar ein kleines Interview enthält der Klotz.
Als Liedersängerin übrigens wurde sie unterschätzt. Anders nämlich ist es kaum zu erklären, dass außer vier Schubert-CDs, für die sie den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielt, nie wieder Lieder von ihr verlangt wurden. Wohl wahr, dass Gebrochenheit, Hintergründigkeit oder Indirektheit nicht ihre Sache waren. Sie blieb direkt. Und zeigte sich darin klammheimlich als echte Berlinerin. Unnahbarkeit war ihre intime Stärke. Genauigkeit ihr Raffinement. Sie war der reinlichste Engel von allen. Glückwunsch zum Achtzigsten!

Erscheint im Juni:

The Gundula Janowitz Edition (14 CDs)

DG/Universal


Engelsstimme im Futteral

Keine Gesamtaufnahmen enthält die Gundula Janowitz Edition. Stattdessen – neben den besagten vier CDs mit Schubert-Liedern (begleitet von Irving Gage) – Arien von Mozart, Beethoven, Gluck, Weber, Lortzing und Johann Strauß. Von Wagner finden sich Arien und der komplette 1. Akt aus der „Walküre“ (Karajan). Im Konzertbereich dominieren Arien aus Bach-Passionen, Haydn- und Händel- Oratorien sowie aus Mendelssohns „Paulus“. Strauss’ „Vier letzte Lieder“ und die Schluss-Szene aus „Capriccio“ bilden (nach wie vor) einen Höhepunkt. Herzstück des Ganzen: die Mozart-Konzertarien KV 272, 369, 374, 528, 578, 583 und 42. Man könnte auch sagen: Geschnetzeltes deluxe.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2017



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