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(c) Anna Resznyak

Lars Vogt

„Ich bin mittlerweile total enthemmt“

Der Pianist startet eine Gesamteinspielung aller Beethoven-Klavierkonzerte und dirigiert vom Flügel aus die Royal Northern Sinfonia.

Wenn man die Kadenz im ersten Satz hört, tippt man eher auf Liszt als auf Beethoven. Lars Vogt hat sich beim ersten Beethoven- Konzert bewusst für diese später komponierte Kadenz entschieden, die so gut wie nie gespielt wird und dem unterschätzten ersten Konzert eine überraschend anarchistische Note verleiht. Die Kadenz ist reich an verblüffenden Wendungen, harmonischer Raffinesse und spielt frech mit den Erwartungen des Hörers. Aber auch jenseits dieser Kadenz klingt das Konzert rauer und weitaus weniger klassisch, als man es kennt, wenn Interpreten sozusagen mit gepuderter Zopfperücke zu Werke gehen.
Lars Vogt sitzt in der Lobby des Hotels in der „Elphi“ und freut sich, dass man hört, was er im Sinn hatte: „Ja, das ist ein ganz schön kühnes, ein revolutionäres Stück, das so viel vereint: jubilierende Freude, Haydn’sche Frechheit, und dann der zweite Satz, der überraschend nach As-Dur geht. Das ist eine Revolution nach Innen, in warme und weiche Gefilde, die weit in die Romantik und darüber hinausweisen.“
Lars Vogt denkt als Kammermusiker. Denn der 1970 geborene Pianist betrachtet die Kammermusik nicht als entspannenden Nebenkriegsschauplatz des Virtuosen-Lebens, sondern als pulsierendes Zentrum. Bereits vor 20 Jahren gründete er das Festival mit dem sprechenden Namen „Spannungen“ in der Eifel, bei dem sich passionierte Kammermusiker zu öffentlich zugänglichen Proben und Konzerten treffen. Kammermusik wird dort als kommunikativer Prozess begreifbar. Seit einigen Jahren widmet er sich auch dem Dirigieren und seit der Saison 2015/16 ist er künstlerischer Leiter der Royal Northern Sinfonia in Newcastle, die ihn nun auch – vom Flügel aus dirigierend – bei Beethoven begleitet.
Das Erste hat Vogt bereits vor Jahren mit Rattle eingespielt. Kein Grund, Routine walten zu lassen: „Man fängt jeden Tag wieder von vorne an. Beethoven habe ich natürlich schon lange im Repertoire, und die Gefahr besteht, dass man die Stücke, die man auswendig spielt, nicht mehr liest.“
Auch beim fünften Konzert hat Vogt wieder ganz genau und mit viel Sinn für Rhetorik gelesen. Es klingt vital und mit drängendem Esprit, ohne zum Heroischen anzuschwellen. Der zweite Satz berührt mit liedhaftem Gesang und meidet vom Pedal aufgeschäumte Sentimentalität. Vogt spielt den trocken, fast historisch klingenden Flügel mit klar fokussiertem Anschlag. Als Dirigent sorgt er zudem für maximale Transparenz und schlanken, vibrato- armen Gesamtklang, der Details hörbar werden lässt, die oft untergehen: „Der Pianist muss klanglich nicht immer vorne stehen, denn manchmal hat er auch dienende Funktion und eine Fagott- Stimme ist führend, die sich dann fortsetzt in meiner linken Hand.“
Mit der Doppelfunktion als Solist und Dirigent hat Vogt kein Multitasking-Problem, im Gegenteil: „Nicht mit diesem Orchester! Da brauche ich nur eine Augenbraue, und sie verstehen mich. Das sind Musiker mit einem ausgeprägten Charakter. Für mich ist es tatsächlich eine Befreiungsaktion, beides zu tun. Ich bin mittlerweile auch total enthemmt, denn es sollte ein Gefühl von Unvorhersehbarkeit bleiben.“

Neu erschienen:

Ludwig van Beethoven

Klavierkonzerte Nr. 1 & 5,

Lars Vogt, Royal Northern Sinfonia

Ondine/Naxos

Regine Müller, RONDO Ausgabe 3 / 2017



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