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(c) Jean-Baptiste Millot/DG

Avi Avital

„Wir wollten die Komfort-Zone verlassen“

Der Mandolinen-Virtuose sucht mit seinem Namensvetter, dem Jazz- Bassisten Omer Avital, die gemeinsamen musikalischen Wurzeln.

In Berlin-Mitte geht am 1. Mai auf der Straße schon zur Mittagszeit der Trend zur Bierflasche. Daher treffen wir uns zum Interview lieber in der Sicherheitszone eines intimen italienischen Cafés. Es ist möglicherweise sein zweites Wohnzimmer, denn im Nachbarhaus ist Avi Avital zuhause. Wenn man überhaupt von zuhause reden kann bei einem Musiker mit marokkanischen Wurzeln, der in Israel groß wurde, in Italien studierte und rastlos unterwegs ist? Hier im Café genießt er spürbar, lässig Italienisch sprechen zu können. Avital trägt einen smarten Dreitagebart und strahlt die heitere Souveränität eines Weltbürgers aus. Immer neugierig und bereit, überall das Schönste und das Interessanteste aufzusaugen.
Seit Jahren sorgt Avital für ein Revival der klassischen Mandoline. Das Instrument spielte vorher praktisch keine Rolle mehr auf den Konzertpodien und im Tonträgermarkt. Nun wagt er sich mit „Avital Meets Avital“ auf neues Terrain: Mit seinem Namensvetter Omer und drei weiteren Musikern bewegt er sich in der Grauzone zwischen Jazz, Klezmer, Balkan, Nahem Osten, Improvisation und Klassik. Was sich auf dem Papier gefährlich beliebig liest, klingt tatsächlich wie eine neue Spielart ort- und zeitloser Kammermusik, die sich im Club genauso wohl fühlt wie im Neue- Musik-Labor und im kleinen Saal der Philharmonie.
Der Titel „Avital Meets Avital“ verweist auf die lange Vorgeschichte des Albums. „Wir sind nicht blutsverwandt, aber alte Freunde. Avital ist ein typisch marokkanisch-jüdischer Name, wir haben also die gleiche Herkunft. Aber für unsere Generation ist es wichtiger, dass wir im gleichen Kontext in Israel aufgewachsen sind. Wir haben die gleiche Musik gehört in den 1980er Jahren. Das ist eine starke Verbindung. Ich denke, sie ist stärker als die Dinge, die Jazz und Klassik trennen.“
Avi und Omer Avital lernten sich an der Thelma Yellin Highschool in Givatayim kennen. Dann schlugen sie getrennte Wege ein. Omer ging nach New York, Avi nach Italien, Omer wurde Jazzer, Avi studierte klassische Musik. Aber sie hielten den Kontakt. „In all’ den Jahren haben wir gegenseitig unsere Konzerte besucht. Und wir haben immer gewitzelt, dass wir mit dem gemeinsamen Namen auch mal etwas zusammen machen sollten. Dann bekam ich 2012 vom Musikfest Bremen die Einladung, etwas zu machen, was ich noch nie vorher gemacht habe. Ohne jede Vorgabe. Ich wusste sofort, dass ich Omer anrufen muss. Dann trafen wir uns in New York, haben improvisiert, ein bisschen notiert, dann entschieden, dass wir noch andere Musiker dazu holen. Vor dem Konzert trafen wir uns wieder zu intensiven Proben. Ich erinnere mich an das Gefühl noch am Morgen des Konzerts, denn wir waren immer noch nicht sicher, was das ist: Jazz, World Music? Und wir hatten keine Ahnung, wie das Publikum reagieren würde. Für mich war das Improvisieren total neu, für Omer war der Konzertsaal neu, er war nur Jazz-Clubs gewöhnt. Wir machten also dieses erste Konzert, ohne einen Plan, das Ganze fortzusetzen – und es war großartig! Wir waren beide tief bewegt, und das Publikum reagierte begeistert.“

Weltgewandter Fusion-Kammer-Club-Jazz

Es brauchte vier Jahre, bis dieses folgenreiche Konzert seine reichen Früchte abwarf. Definieren kann Avital noch immer nicht, was das nun eigentlich für eine Musik ist. „Es ging uns vor allem darum, die jeweilige Komfort- Zone zu verlassen und die Möglichkeit zu haben, Dinge zu entdecken, die auch für uns völlig neu sind. Und die anderen Musiker – Yonathan Avishai am Piano, der Perkussionist Itamar Doari und Uri Sharlin am Akkordeon – haben natürlich das ihre dazu beigetragen.
Vielleicht wird man für diese Musik eine neue Kategorie erfinden müssen. Oder vielleicht auch nicht? „Ich bin wirklich die letzte Person, die erklären kann, was das nun eigentlich ist. Ich kann nur sagen, was es nicht ist: Es ist nicht Cross-Over, es ist nicht Jazz, obwohl es viele Jazz-Elemente beinhaltet. Es ist nicht Weltmusik, denn es ist nicht traditionell, aber stark beeinflusst von marokkanischer Tradition und der des mittleren Ostens. Es ist nicht klassisch, obwohl es diese kammermusikalische Finesse hat. Ich habe das Gefühl, dass wir mit dieser Musik nicht alleine sind, denn es entsteht im Moment eine Welle, die in dieser oder ähnlicher Weise mit Traditionen spielt. Das sind Musiker wie wir, sie leben in Paris, New York oder Berlin. Eine Generation von Weltbürgern, die viele kulturelle Einflüsse absorbiert. Das ist ganz authentisch, bloß die Industrie und die Presse haben das Problem, es zu labeln.“

aviavital.com

Neu erschienen:

Avital Meets Avital

Avi Avital, Omer Avital, Itamar Doari, Yonathan Avishai u.a.

DG/Universal


Die Quereinsteigerin

Für Mandoline gibt es noch immer sehr wenig Originalliteratur. Avi Avital war immer auf Arrangements von Werken des klassischen Repertoires oder Neue Musik angewiesen, die er häufig selbst in Auftrag gibt. Avital spielt kein altes Instrument, sondern eine moderne Weiterentwicklung aus der Werkstatt eines Instrumentenbauers in Tel Aviv. Dieses Instrument besitzt eine ungleich größere Tragfähigkeit als seine barocken Vorgänger, die für den Adels-Salon konzipiert waren, und füllt selbst große Säle. „Avital Meets Avital“ geht im Sommer auf Tour, die ersten Konzerte sind in Spanien, Italien und der Schweiz (Zürich, 7.6.), dann Dresden (10./11.6.), Köln, Dortmund und Mainz (21., 22. und 29.6.), zum Abschluss geht es zur Festspielzeit in den Norden der Republik (Kiel, 7.7; Lübeck, 8.7.).


Regine Müller, RONDO Ausgabe 3 / 2017



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