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Musikstadt

Brünn

UNESCO-Weltkulturerbe, ein sehr altes Theatergebäude, authentischer Janáček-Ort: Es gibt viele Gründe, nach Brünn zu fahren.

Brünn (tschechisch: Brno) ist prächtige Hauptstadt Mährens mit 380.000 Einwohnern. Früher war sie als Textilproduzent das Manchester Tschechiens, es künden sehenswerte Bauten wie Mies van der Rohes inzwischen zum UNESCOWeltkulturerbe zählende Villa Tugendhat von dieser Hochphase, die bis zum zweiten Weltkrieg andauerte. Aber auch sonst findet sich hier jeder Baustil, von der Gotik, über Barock, sämtliche Neo-Wellen, bis hin zum Jugendstil und eben bemerkenswert vielen Häusern der neuen Sachlichkeit. Sogar einige Cafés haben sich in diesem Stil erhalten oder wurden rekonstruiert. In Brünn trifft man keine Touristenhorden, hier kann man allein und in aller Ruhe die Kasematten der alten Festung Spilberk oder das erst kürzlich der Öffentlichkeit zugänglich gemachte Beinhaus der Jakobskirche erkunden.
Doch auch musikalisch wird man hier bestens bedient. Das Theater ist bedeutend, man bespielt gleich drei Bühnen, darunter die seit 1660 als eine der ältesten Theatergebäude genutzte, geschmackvoll modernisierte Redoute am Krautmarkt. Hier ist schon Mozart aufgetreten, davon kündet draußen ein nicht eben geschmacksicheres Denkmal. Innen freilich ist das Haus mit einem kleinen Konzertsaal und der Studiobühne, einem Café und einer Galerie ansprechend zweckmäßig gestaltet.
Am Rand der überschaubaren Altstadt, auf den ehemaligen Wallanlagen, liegt das 1882 eröffnete Mahen-Theater, einst Deutsches Theater, von der österreichischen Architekturfirma Fellner & Helmer in bekannter Gründerzeit- Üppigkeit entworfen. Drinnen erinnern Edison-Reliquien, dass man das erste elektrifizierte Theater Europas war. Statt über tausend gibt es heute bequeme 572 Sitze. Hier schwelgt man unter Stuck und Kristalllüstern im Belcanto und kann Mozartopern ganz nahe sehen.
Dafür ist das Janáček-Theater als stilreine Sixties-Ikone mit 1383 Plätzen nicht nur die größte Bühne des Landes, sondern auch eine der besten. Hier ist alles noch im sozialistischen International-Stil vorhanden. Sessel mit praktischen-Sekt-Abstellklappen, der Wandbehang, der eigentlich die Vorlage für den dann doch nicht realisierten Schmuckvorhang sein sollte, die Janáček-Büste und die stilreinen Empfangssalons der Bonzen mit böhmischem Porzellan. Nur den Platz draußen hat man renoviert und mit einem spektakulären sich variierenden Wasservorhang versehen.
Am Theater findet nächstes Jahr wieder, vom 23. November bis zum 8. Dezember 2018, das als Biennale ausgerichtete, dann sechste Janáček-Festival statt. Apropos Janáček: Hier lässt es sich trefflich auf seinen Spuren wandeln. Zum Geburtsort Hukvaldy ist es nicht weit, hier ging er im Kloster bei den Blaukehlchen zur Schule, besuchte später das örtliche Konservatorium, dessen Professor er wurde. Alles noch da: In der Semtanastraße steht das Gartenhaus, wo er wohnte und wo heute eine Ausstellung zu besichtigen ist. In der Klosterkirche Mariae Himmelfahrt war er als Chorleiter tätig, auf dem Zentralfriedhof liegt er begraben. Und im Besední dům, dem Kulturhaus, das der Wiener Ringstraßenarchitekt Theophil von Hansen entworfen hat, arbeitete er auch. Heute ist es die Heimstätte der Philharmonie, wo man mit ein wenig Glück ein Janáček-Konzert hören kann.


Website des Theaters (mit deutscher Version): www.ndbrno.cz


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 3 / 2017



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