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(c) Oliver Killig

Musikland

Sachsen

Nirgendwo lässt sich Musik in ähnlicher Hülle und Fülle, prächtig oder zwanglos, populär oder elitär erleben – wie in Sachsen.

Die Klischees gleich am Anfang: In Sachsen wachsen ja bekanntlich nicht nur die schönsten Mädchen, wie es eine uralte (übrigens auch von Nieder-Sachsen und Sachsen-Anhalt beanspruchte) Redensart uns glauben machen weiß – hier wächst auch die Musik. Im wahrsten Sinne. Kein anderes Bundesland vereint so viele Festivals der Klänge und Sänge auf seinem Grund. Tendenz steigend. Und jetzt hat man gerade eben auch noch allein in Dresden zwei neue Spielstätten mit sechs Bühnen für fünf Institutionen neueröffnet.
Für über 100 Millionen Euro wurde der 1969 eröffnete Dresdner Kulturpalast entkernt und renoviert. Anstelle der alten Multifunktionshalle hat man in die Hülle des einstigen DDR-Vorzeigegebäudes einen komplett neuen und klanglich optimierten Konzertsaal eingehängt, damit die traditionsreiche Dresdner Philharmonie hier nun ihre klanglich wie optisch adäquate Heimstätte wieder in Empfang nehmen konnte. Außen ein wenig Nostalgieschick, innen elegante Weinbergterrassen. Das Kabarett „Herkuleskeule“ sowie die Zentralbibliothek sollen dieses offene Haus als Scharnier zwischen Alt- und Neumarkt den ganzen Tag über zu einem Anlaufpunkt machen.
Zuvor schon wurde das Kraftwerk Mitte zum neuen Domizil der Kinder- und Jugend-bühne „theater der jungen generation“ sowie der Dresdner Staatsoperette. Da sollen sich, nicht weit hinter der Semperoper, die Altersklassen auch im – aus alten Industrieresten und modernen Stahl- und Betonelementen geschickt kombinierten – Foyer treffen und mischen. Apropos Semperoper: Dort gibt es Anfang nächsten Jahres zwei komplette „Ring“-Zyklen mit Wagners „Wunderharfe“, der Dresdner Staatskapelle und mit Christan Thielemann am Pult, die schon jetzt lebhaft nachgefragt sind, doch auch darüber hinaus kann sich das Opern- wie Ballettprogramm des weltberühmten Hauses sehen und hören lassen.

Quellbezirk deutscher Musik

In Sachsen gibt es ja eine ewige Rivalität zwischen den beiden großen Städten Dresden und Leipzig, Elbflorenz versus Messemetropole. Dabei ist das eine als Residenz der Wettiner (deren im Krieg zerstörtes Stadtschloss ebenfalls in großen Schritten der komplettierten Restaurierung und Neuinterpretation entgegensieht) und das andere als Stadt der Musik gleich bedeutend. Historisch muss es sich ohnehin nur mit Wien messen lassen. Ja, Sachsen war wichtiger als Berlin. Mit dem Thomaskantor Johann Sebastian Bach, sowie den in Leipzig wirkenden (Spät-)Romantikern Robert Schumann, Felix Mendelssohn und Edward Grieg, mit dem in Dresden (wo man zu Recht auch auf Heinrich Schütz, Carl Maria von Weber und Richard Strauss stolz ist) zu Ruhm und Steckbrief-Berühmtheit gelangten Titanen Wagner, sowie mit unzähligen barocken Groß- und Kleinmeistern bildet Sachsen (neben Thüringen) den Quellbezirk deutscher Musik schlechthin.
Man ging damals entweder nach Wien – oder nach Leipzig. Entsprechend grandios stehen die beiden großen Orchester des Landes da, das Gewandhausorchester in Leipzig als ältester bürgerlicher Klangkörper überhaupt, unter ihrem im Herbst offiziell antretenden Chef Andris Nelsons, und die Sächsische Staatskapelle, völlig unbeschadet der politischen Wechselfälle, die über beide hinweggerollt sind. Ähnliches gilt auch für die zugehörigen Opernhäuser von Dresden und Leipzig (wo man beispielsweise gerade „Cinq mars“, eine absolute Rarität von Charles Gounod, ausgegraben hat). Der Werbeslogan „Musikland Sachsen. Klassik von Weltrang“ besteht zu Recht. Er bleibt eigentlich fast bescheiden.
Orchestral wird man in Leipzig aber auch vom MDR Sinfonieorchester verwöhnt, samt dem größten deutschen Rundfunkchor. Eine Klasse für sich ist die Robert-Schumann-Philharmonie in Chemnitz, immer noch ein Geheimtipp, wie die frühere Industriestadt überhaupt mit ihrem schönen Opernhaus, den tollen Museen und Jugendstiljuwelen. Dresdens Kreuzchor und die Leipziger Thomaner muss man beide gehört haben, viel Entdeckerfreude bereiten die im Mai/Juni laufenden Dresdner Musikfestspiele unter ihrem agilen Cellisten- Chef Jan Vogler, der auch für das atmosphärisch intime August-Musikfest im ehemaligen August-Schloss Moritzburg mit Kammermusikperlen verantwortlich zeichnet.
Neu sind die Schostakowitsch-Tage im putzigkleinen Gohrisch in der Sächsischen Schweiz (22.-25. Juni), wo das einstige Sowjetgenie zu einem Kuraufenthalt weilte und glühende Kammermusik schrieb. Groß und bedeutend ist hingegen das Leipziger Bachfest. Es gehört bereits seit 1908 zur festen Musiktradition der Stadt und wird seit 1999 vom Bach- Archiv im Auftrag der Stadt Leipzig veranstaltet. Vom 9.-18. Juni steht es dieses Jahr ganz im Zeichen der von hier ausgehenden Reformation.
Doch auch das alle zwei Jahre und 2018 wieder im September dezentral abgehaltene Musikfest Erzgebirge weiß mit historischen Städten und hervorragenden Interpreten zu locken. Freunde der Moderne und des Experiments kommen nun schon seit mehr als zehn Jahren im einst von Heinrich Tessenow als Architekturikone entworfenen Festspielhaus Hellerau in der Gartenstadt bei Dresden auf ihre Kosten. Hier residiert auch die Forsythe Company unter ihrem neuen Chef Jacobo Godani. Sachsen wie es singt und klingt, immerzu. Und natürlich finden sich in Sachsen noch immer so manche schönen Mädchen, im Publikum wie auf den Bühnen ...

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Mehr Licht

Die Dresdner Musikfestspiele sollten ein Fenster zur Welt sein. Mit diesem Anspruch wurden sie 1978 im ummauerten Teil Deutschlands gegründet – und durch Herbert von Karajan mit den Berliner Philharmonikern eröffnet. Wenn sie nun vom 18. Mai bis zum 18. Juni zum 40. Mal stattfinden, ist der Anspruch nicht kleiner geworden. Im Gegenteil: Während in vielen Köpfen neue Mauern entstehen und auch ganz real neue Grenzen gezogen werden, beharren die Musikfestspiele auf diesem Anspruch und übersetzen ihn in das griffige Thema „Licht“. Der weltweit tätige Intendant Jan Vogler will dies als erhellende Maßnahme im Sinne unangepasster Aufklärung verstanden wissen.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 3 / 2017



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