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(c) Monika Rittershaus

Gut gewühlt, Teufel! Mussorgskis „Der Jahrmarkt von Sorotschinzi“

Berlin: Komische Oper

Die selbsternannte „Opernhauptstadt Berlin“ hat, bei Kunstlicht besehen, derzeit wenig mehr zu bieten als die Neuinszenierungen des trefflichen, sich selbst bis 2022 befristet habenden Barrie Kosky. Im Blick auf die Geschichte seines Hauses, der Komischen Oper, ist er inzwischen bei Felsenstein-Reprisen angekommen, deren Original nicht mal vom großen Felsenstein selber stammt. „Der Jahrmarkt von Sorotschinzi“, in der Gründungsspielzeit 1947/48 aufs Programm gesetzt, stammte als Inszenierung in Wirklichkeit nicht von Felsenstein, sondern von einem Auftragsausputzer namens Werner Jacob (nicht identisch mit dem aus Nürnberg bekannten Organisten). Damals war’s kein Erfolg.
Tut nichts, Kosky gelingt bei der unbekannten, einzigen komischen Oper von Modest Mussorgski eine geschmacks- und metiersichere Arbeit ohne Fehl und Tadel. Es geht knallbunt zu, in phosphoreszierend grellen, optisch irrlichternden Atommüll-Farben. In Schweinegestalt erscheint der Teufel (als Satire auf den Volksaberglauben). Eine böse Stiefmutter wird ausgetrickst, während Kosky die Gogol-Vertonung mit elegischen Chor-Volksliedern unterfüttert. So gewinnt Mussorgski, als erdigster, bitterster, finsterster Vertreter des sogenannten „Mächtigen Häufleins“ (Borodin, Balakirew, Mussorgski und Cui), fratzenhafte Tiefe. Wie schön.
Für den inzwischen rückabgewickelten Chefdirigenten Henrik Nánási spielt das Orchester, als wolle es sagen: Nun dürfen wir ja. Agnes Zwierko, ganz russische Drehorgel, hat ihren Durchbruch als Komikerin. Jens Larsen singt den alten Süffel mit einer Stimmgewalt, als wundere er sich, dass ihm noch niemand den Boris Godunov angeboten hat. Bislang die Ausgrabung der Saison! Gewohnte Kräfte, auch der Chor, wachsen über sich hinaus. Der langjährige Chef-Beleuchter Franck Evin liefert – in Giftfarben leuchtmalend – sein Meisterstück. Beschwingt und betroffen zugleich verlässt man die brummende Hütte. Barrie Kosky darf sich das Prädikat „Trüffelschwein des Jahres“ auf die Fahnen schreiben. Gut gewühlt ist halb gewonnen.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 3 / 2017



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