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(c) Ken Veeder/Warner

Maria Callas

Der Flammen-Koffer

Sind Beauty-Kult und Star-Gewese wirklich so neu wie Anna Netrebko und Jonas Kaufmann? Ach was. – Maria Callas, der erotischste Flammenwerfer der Gesangsgeschichte, war nicht nur das lodernde Stimm-Wunder, das sich vor lauter Feuersbrunst selbst versengte. Sondern auch eine blendend aussehende Schnurrkatze von männerfressender Flamboyance. Besonders live. Sogar Künstler, welche die Callas aus dem Studio gut kannten, lernten Sie auf der Bühne neu bewundern. „Als ich die Callas an der Scala als Norma erlebt habe“, so erzählte der Tenor Nicolai Gedda kurz vor seinem Tod, „dachte ich, sie muss genetisch etwas vom antiken Drama abbekommen haben. Da gibt es eine Stelle“, so Gedda, „wo sie nur ein einziges Wort hat: ‚Io’. Doch sie sagte es so, dass die Leute wild wurden.“ Als er die Callas an der Met in „La traviata“ erlebte, sang sie die Stelle „Amami, Alfredo“: „Und mir kamen die Tränen.“ Also sprach Nicolai Gedda, und Kollegen-Lob wiegt bekanntlich dreifach.
Nun fragt man sich, was angesichts der vielen vorzüglichen Stud io -Aufnahmen der Callas ihr gebündeltes Live-Erbe noch bieten mag? Kommt da mit der „Callas Remastered Live Recordings“- Box etwa ein Doubletten-Kasten auf uns zugesegelt? Nein. Die Neu- Edition der Warner enthält gewiss nichts wirklich Neues, von den hier versammelten 20 Opern-Gesamtaufnahmen hat die Callas jedoch mehr als die Hälfte, nämlich 12 Werke, niemals im Studio aufgenommen. Sondern nur live. Die einzelnen Sets sind mit Szenen- Fotos bedruckt, für die man noch einmal ordentlich die Archive durchgekämmt hat. Die Cover- Folge von „Nabucco“ (Neapel 1949) über „Aida“ (Mexiko 1951) bis „Tosca“ (London 1964) zeichnet die Verschlankung und Audrey Hepburn-Werdung der Sängerin nach. Lesbar als Bildergeschichte einer Selbstfindung und Selbstüberwindung.
Etliches wie „Parsifal“ (1950 mit Boris Christoff), „La Vestale“ (1954 mit Franco Corelli) und „Armida“ (1952 unter Tullio Serafin) war bislang nur auf rabenschwarzen Labels greifbar. Es wird hier erstmals in den offiziellen Callas- Schrein aufgenommen. Doubletten wurden vermieden, dennoch begegnet man der Lissaboner „Traviata“ (1958 mit Alfredo Kraus) ebenso wieder wie „Medea“ unter Leonard Bernstein (Mailand 1953) und „Lucia di Lammermoor“ unter Karajan (Berlin 1955). Bei „Tosca“ hat man sich für den späten Londoner Mitschnitt von 1964 entschieden (und gegen die Met-Aufnahme mit Corelli). Chronologisch sortiert, wird der Koffer durch drei Blue-Rays mit den Video-Recitals (aus Paris, London und Hamburg) ergänzt. Und getoppt durch ein faustdickes Booklet.
Die wichtigste Nachricht betrifft aber den Klang: Gegenüber dem Remastering von 1997, das zur Schärfe neigte, klingt’s hier wärmer, räumlicher, echter. Das Ergebnis ist eine echte Überraschung. Wer die Callas im Studio schon besitzt, muss realisieren, dass die eigene CD-Kollektion vielleicht doch nachgerüstet werden muss. Und zwar wegen Weltwundern wie Verdis „Vespri siciliani“ (1951 unter Erich Kleiber; es handelt sich um die Lieblingsaufnahme von Plácido Domingo, der nicht mitsingt). Ebenso wegen „Macbeth“ (1952 unter de Sabata) und „Andrea Chénier“ (1955 mit del Monaco). Diesen Koffer braucht man.

Erscheinen am 15.9.:

Maria Callas: Remastered Live Recordings 1949 - 1964 (42 CDs + 3 Blu-Rays + 216 S.-Booklet)

Warner

Maria Callas: Live & Alive, Remastered Live Recordings, Arienauswahl (2 CDs)

Warner

Im TV:

17.9, 18:25 Uhr – arte

„Sternstunden: Maria Callas singt Tosca“ (Covent Garden 1984; Konzert/Doku, Deutschland 2017; Erstausstrahlung)

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2017



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