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(c) Astrid Ackermann/BR

Howard Arman

Frisch gewagt

Auch im zweiten Jahr als Künstlerischer Leiter des BR-Chors verlangt der Brite von seinem Ensemble vor allem eines: Flexibilität.

Nein, ein Fazit möchte Howard Arman keines ziehen, am Ende seiner ersten Saison beim Chor des Bayerischen Rundfunks. „Ich blicke ungern zurück, sondern immer nach vorne. Außerdem war es hier ja kein echtes Neuland für mich, sondern eher ein angenehmes Wiederentdecken. Ich denke aber, dass viele Stationen der letzten Spielzeit noch einmal die Vielseitigkeit des Chores demonstrieren und gezeigt haben, wozu dieses Ensemble fähig ist.“ Zum ersten Mal erlebt hatte Arman den BR-Chor bereits kurz nach Studienende bei einem Besuch in München, und seit seinem Debüt im Jahr 2002 konnte man den Briten auch selbst regelmäßig am Pult des Traditionsensembles erleben. „Jeder Chor verändert sich, schließlich ist er ein lebender Organismus, und jeder Leiter hat den Chor auf seine Art geprägt. Was sich in all den Jahren aber nicht verändert hat, ist, dass es ein sehr flexibler und intuitiver Klangkörper geblieben ist. Zusammen mit dem technischen Können ist das die beste Grundlage, die man sich wünschen kann.“
Flexibilität und stilistische Wendigkeit sind angesichts des breiten Repertoires, das man hier von jeher pflegt, geradezu unentbehrlich. „Wir leben heute in einer Zeit, in der man stets nach neuen Superlativen sucht. Alles muss schneller, höher, lauter sein. Aber diese Art von Eventkultur ist nicht mein Weg. Wenn die Kunst nur dazu da ist, um zu unterhalten, haben wir eine Chance verpasst. Wir müssen der Musik Relevanz geben und uns überlegen, woher wir unsere Impulse holen.“ Das richtige Werk für den richtigen Ort zu finden spielt dabei ebenso eine Rolle wie die Erforschung von Werken abseits des Kernrepertoires mit Bach und Händel. Obwohl es auch bei diesen beiden Klassikern für Arman durchaus immer noch Neues zu entdecken gibt. So veröffentlichte man etwa jüngst als Welt-Ersteinspielung nach dem Notentext der neuen Hallischen Händel- Ausgabe das 1746 entstandene „Occasional Oratorio“ des Komponisten. „Ein Werk, das eine sehr spezielle Sicht auf Händel bietet, der sich hier mit den politischen Gegebenheiten seiner Zeit arrangierte und diese Situation benutzte, um die Menschen in einer ganz bestimmten Art und Weise anzusprechen.“
Nach dem erfolgreichen Weihnachts- Album mit teils eigenen Arrangements ist Arman besonders stolz, mit der Händel-Aufnahme ein weiteres Mal die stilistische Bandbreite seines Ensembles zu unterstreichen, das hier gemeinsam mit den Originalklang-Experten der Akademie für Alte Musik zur Tat schritt. „Mit zwei Konzerten hatten wir eine gute Basis für eine CD. Natürlich ist es nur eine Momentaufnahme, aber gerade dadurch hat es für mich auch etwas Echtes.“ Eine Qualität, die ebenso bei der demnächst anstehenden Veröffentlichung mit Mendelssohn-Psalmen zum Tragen kommt. „Seine Musik braucht Eleganz und Kraft, aber keine Sentimentalität, die bei ihm oft fehl am Platz ist. Mendelssohn tritt als Komponist selten in den Vordergrund, sondern lässt einfach die Musik sprechen.“ Dass sich in dieser Hinsicht auch der Zeitgeschmack immer wieder ändert, ist für Arman dabei ebenso selbstverständlich wie notwendig. „Wir sind der Vergangenheit verpflichtet, aber auch der Gegenwart. Wir müssen immer wieder frisch an die Dinge herangehen. Was einst eine Revolution war, wird bald zum Mainstream … bis die nächste Revolution kommt.“
Dies gilt freilich nicht nur für neue Erkenntnisse in Sachen historischer Aufführungspraxis, sondern ebenso für die zeitgenössische Musik, die dem selbst komponierenden Dirigenten natürlich ähnlich am Herzen liegt. Galt das erste Münchner Konzert nach Vertragsunterzeichnung Purcell auf Originalinstrumenten, widmete sich Arman zum Amtsantritt moderner Vokalmusik. „Zeitgenössische Komponisten haben es nicht leicht. Aber heute sind wir dem Publikum von 1920 dankbar, dass sie damals dem nächsten Werk von Richard Strauss entgegengefiebert haben. Jeder hat das Recht zu sagen, er möchte nur Beethoven hören, das ist wunderbare Musik, aber damit wird eine Rezeptionsgeschichte abgeschlossen. Ich finde es wichtig, für neue Dinge offen zu bleiben.“

Neu erschienen:

Georg Friedrich Händel

„Occasional Oratorio“

Julia Doyle, Ben Johnson, Peter Harvey, Chor des Bayerischen Rundfunks, Akademie für Alte Musik Berlin, Howard Arman

BR Klassik/Naxos

Erscheint im 26. Oktober:

Felix Mendelssohn Bartholdy

„Verleih uns Frieden gnädiglich“ (Psalmen)

Chor des Bayerischen Rundfunks, Howard Arman u.a.

BR Klassik/Naxos


Chor-Wurm

Howard Arman wurde am Trinity College in London ausgebildet. Nach Auftritten mit den Chören des NDR, SWR, RIAS Berlin und dem ORF-Chor war er 1983 bis 2000 beim Salzburger Bachchor tätig. 1998 bis 2013 übernahm er die Leitung des MDR Rundfunkchores Leipzig, eine fruchtbare Zusammenarbeit, die auf zahlreichen CDs dokumentiert ist. Neben seinem internationalen Wirken als Chordirigent ist Arman ebenfalls als Komponist aktiv und war von 2011 bis 2016 Musikdirektor des Luzerner Theaters. 2016 übernahm er den BR-Chor, wo er neben den klassischen Formaten unter anderem auch beim Mitsingkonzert „cOHRwürmer“ mit mehr als 1300 Laien für Begeisterung sorgte.


Tobias Hell, RONDO Ausgabe 4 / 2017



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