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(c) Alfonso Salgueiro/Philharmonie Luxemburg

Musikstadt

Luxemburg

Heimlich hat sich die 2005 eröffnete Philharmonie samt Orchester zu einer der ersten europäischen Klassikadressen gemausert.

Mir wölle bleiwe, wat mir sinn“, so lautet in der für Deutsche sehr gut verstehbaren Landessprache, „op Lëtzebuergesch“ also, der Wahlspruch des kleinen Großherzogtum Luxemburg, das sich zwischen Deutschland, Frankreich und Belgien quetscht. Und damit gut durch die Zeiten gefahren ist. Obwohl dieser Leitspruch schon nicht mehr ganz so absolut gilt, man hat dort inzwischen nämlich vieles zu seinem Vorteil verändert, siehe das Steuer-, Banken- und Zinswesen. Und natürlich auch die Ansiedlung einiger Organe der Europäischen Union, wie den Gerichtshof. So strahlt man aus der Mitte Europas zugkräftig aus. Und wollte dem Wirtschaftswunder inzwischen auch ein Kulturwunder folgen lassen.
Die alte Festungsstadt wird von mehreren Tälern durchschnitten. Am Ende des Altstadtplateaus, bevor es rüber zur modernen Erweiterung Kirchberg geht, steht das Theater, das europaweit Inszenierungen einlädt und koproduziert. Über der Großherzogin- Charlotte-Brücke, die die Alzette überspannt, liegen dann im Europaviertel dicht nebeneinander das Mudam (Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean) auf dem Gelände des Fort Thüngen, das 2006 nach Plänen von Ieoh Ming Pei eröffnet wurde, sowie die ein Jahr ältere Philharmonie – das Konzerthaus der Stadt Luxemburg und Residenzort des Philharmonischen Orchesters. Architekt ist Christian de Portzamparc, der auch in Berlin die Französische Botschaft am Pariser Platz entworfen hat, die Ausgestaltung der Akustik im großen Konzertsaal besorgte Albert Yaying Xu.

Säulen des Musiklebens

An ein Auge erinnert das elegant geschwungene, gar nicht auftrumpfende weiße Hauptgebäude mit seiner Stahl-Glas-Fassade und seinem Vorhang aus 823 weißen Säulen. Für 113,5 Millionen Euro wurde es fast bescheiden gebaut und hebt sich wohltuend ab von den Bürogebäuden der rasant wachsenden Umgebung. Eines der ältesten davon steht nebenan, es soll bald ersetzt werden; dann soll auch der Platz davor noch harmonischer eingebunden werden.
Aber sind wir mal ehrlich: Klassische Musik made in Luxemburg, das nahm man eigentlich erst wahr, als in frühen Privatfernseh- Zeiten RTL sein Programm Sonntagsmorgens mit den Konzertkonserven des hauseigenen Orchesters füllte. Vorwiegend stand damals Chefdirigent Leopold Hager am Pult. Gegründet wurde das Radioorchester im Jahr 1933 und machte damals seinem Namen Ehre. Gespielt wurde überwiegend im Studio für Live-Übertragungen. Das Repertoire war riesig, von der leichten Unterhaltungsmusik bis zum sinfonischen Repertoire kam alles auf das Notenpult, womit man beim Publikum vor dem Röhrenradio punkten konnte. 1996 aber zog RTL den Stecker, der Programmauftrag war ein anderer geworden. Der Staat übernahm, und mit dem Neuaufbau sollte auch das Orchester neu aufgestellt werden.
Das tat zunächst der Gründungsintendant Matthias Naske mit der Berufung von Emmanuel Krivine, der den Klangkörper klanglich entwickelte. Parallel dazu putzte sich die Philharmonie als ein wichtiger europäischer Konzertsaal heraus, gut ausgestattet, komfortabel, mit einem großen Einzugsgebiet. Kein Wunder, dass selbst die ganz großen Orchester hier gern zwischen Deutschland, Frankreich und Belgien Station auf Tournee machen. Auch Sponsoren hat man genug, von der Luxusautomarke bis zu acht friedlich koexistierenden Banken – was anderswo ein No-Go wäre. Regelmäßig besucht wird man vom Großherzoglichen Haus, Staatsoberhaupt Henri ist ein großer Musikliebhaber, der oft vorbeischaut. In der gemütlichen VIP-Bar kann man ihm durchaus nahe kommen.
Natürlich ist auch das Orchester Beobachtung und Vergleich ausgesetzt. So war es die Aufgabe eines weiteren österreichischen Intendanten, des seit 2013 amtierenden Stephan Gehmacher, dieses noch zu optimieren und international fit zu machen. Mit dem 2015 berufenen ehemaligen Schlagzeuger Gustavo Gimeno ist er dazu auf dem besten Weg. Der spanische Dirigent mit der aufsteigenden Karrierekurve ist so ehrgeizig wie begabt, mag innovative Programme, kennt sich aber auch gut im Repertoire aus. Und so hat er gemeinsam mit Gehmacher sanft an den kreativen Stellschrauben gedreht. Das Orchester ist – selten genug in der Musikwelt – direkt an ein Haus mit Programmmitteln und -linien eingebunden, so kann man Minifestivals und Schwerpunkte entwickeln, was hier mit viel Fantasie geschieht. Und von einem neugierigen, aufgeschlossenen Publikum auch goutiert wird. Luxemburger, Deutsche, Europäer, an wenigen Konzertorten geht es im Publikum so international zu wie hier.
Stephan Gehmacher und sein motiviertes Team führen also 98 Musikerinnen und Musiker aus 20 Nationen, disponieren maximal 1500 Plätze im großen Saal und 300 im wunderschön muschelförmigen Kammermusiksaal. Dazu kommen Räume für Vermittlung, die mit der Plaza-Neukonzeption noch ausgeweitet werden sollen. Das Haus brummt, das Orchester ist auf einem sehr guten Klangweg – „mir wölle bleiwe, wat mir sinn“, inzwischen kann man das den Luxemburgern musikalisch durchaus wünschen.

www.philharmonie.lu


Ohren auf

Mit dem „red bridge project“ wird eine künstlerische Persönlichkeit ins Zentrum gerückt, in der Saison 2017/18 ist das die belgische Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker. Auch sonst arbeitet die Philharmonie de Luxembourg gerne mit Künstlern schwerpunktmäßig zusammen, aktuell mit der Sopranistin Anna Prohaska und dem Dirigenten Paavo Järvi, der hier auch sein jüngstes Baby, das Estonian Festival Orchestra, vorstellen wird, dazu gesellt sich noch der französische Komponist, Pianist und Improvisator Jean-François Zygel. Beim Festival atlântico widmet man sich eine Oktoberwoche lang der Musik des portugiesischen Sprachraums. Für die Experimentierfreudigen gibt es noch die „rainy days“. Und wer die Philharmonie auch mit nach Hause tragen möchte, für den ist das Orchester mit drei spannenden CDs seit kurzem beim Label Pentatone zu finden.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 4 / 2017



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