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Marianne Crebassa, Florian Schuele (c) RuthWalz/Salzburger Festspiele

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Neuanfang in Salzburg, mal wieder. Dröhnend mit bedeutungsvoller Oper und eher intim in vielen Konzerten. Wir besuchten drei Stichproben, die die Vielfalt der Festspielbemühungen von Markus Hinterhäuser belegen, der mit einer denkwürdigen „Clemenza di Tito“ seine Intendanz eröffnete. So wie schon 1992 Gerard Mortier, der auch den Regisseur Peter Sellars im gleichen Jahr dort erstmals in der Felsenreitschule präsentierte.
Dort steht jetzt Teodor Currentzis im Graben. Mit seinem russischen Orchester MusicAeterna samt Chor aus Perm. Es wird ein Triumph des Humanen mit göttlicher Musik, in einem ganz besonderen, optimal als kostbares Gefäß genutzten Raum. Nach vielen dürren Jahren ist damit Mozart auf der Höhe der Zeit endlich auch wieder hier im Salzburger Sommer heimisch. Dabei verwendet Peter Sellars wieder alles, was sein Arbeiten esoterisch hatte werden lassen. Eine simple Gut-Böse-Personenzeichnung in zeitgenössischer US-Gewandung auf karger Bühne, eurythmisch anmutende Gruppenbewegungen, arg buntes Licht und einen spirituell aufgeladenen Appell zur Besinnung wie Verzeihung. Aber hier geht es blendend auf.
Der oft hell ausgeleuchtete Raum, die lebendig pulsierende Musik, die natürlich-stilisierten Bewegungen, das feine, bewusste Singen (mit der herrlichen Marianne Crébassa als Sesto an der Spitze), das verschmilzt sofort zu einer aufregenden, anrührenden Einheit aus Musik, Text und Setting.
Liederabende sind selten im Kalender der Elīna Garanča, meist bevorzugt sie die (weit lukrativeren) Arienrezitals. Und seltsam: Während der lettische Mezzo bei den Opernausschnitten oft kühl und wie hinter einer Maske bleibt, liegt ihr die kleine, intime Form viel besser. Obwohl sie auch hier Distanz bewahrt, sich bis auf den gern gewährten Kleiderwechsel ganz auf die Musik konzentriert. Drei, vier Gesten, oft ein ausgestelltes in sich Hineinhören, kurzer Augenkontakt zum unauffällig, aber sehr fein spielenden Pianisten Malcolm Martineau. Mehr ist da nicht. Aber die Lieder von Brahms, Duparc und Rachmaninow sprechen – durch sie. Durch diese ungemein ebenmäßige, leicht sich aufschwingende, das Haus für Mozart perfekt füllende Stimme.
Schlechter Beischlaf, vergiftete Pilze, eine korrupte Polizei: Das ist der Stoff, aus dem der jungendfreche Dmitri Schostakowitsch 1934 sein Erfolgsstück „Lady Macbeth von Mzensk“ zusammengerührt hat. Passt das nach Salzburg? Andreas Kriegenburg inszeniert es jedenfalls weitgehend keimfrei in einem mal wieder postsozialistischen Plattenbaukessel, aus dem die Oligarchen-Zellen wie Schubladen fahren. Keiner muss hier Angst um seine Juwelen haben. Und die griffig-grelle Provinzmordsatire als übersexualisiertes Zeit- und Zerrbild mäht ihr Salzburger Publikum im Beifallssturm nieder.
Denn endlich stand der 74-jährige Mariss Jansons bei den Wiener Philharmonikern am Opernpult. Der hat Temperament, aber auch Lautstärke. Das wird ob seines virtuosen Seiltanzes über die Klippen der Emotion wie der Ironie als stachliger Sinneskitzel begeistert geschlürft. Zwischen „50 Shades Of Post Soviet Grey“ ist Nina Stemme, die auch vokale Blessuren nicht übersingen kann, das Heimchen am nicht vorhandenen Herd, unterdrückte Leidenschaft, Mordgeilheit gar, glaubt man ihren dauergeballten Fäusten nie. Um sie herum eine solide Festspielbesetzung: Vor allem Brandon Jovanovich als rücksichtsloser Sergei hat mit stramm sitzenden Tönen die Tenorhosen an.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 4 / 2017



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