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Maria Happel (c) Reinhard Werner/Burgtheater

Café Imperial

Unser Stammgast im Wiener Musiker-Wohnzimmer

„Saison in Salzburg“ – ein böses Stück. Uraufgeführt 1940, sollte die Operette nach dem Willen der Nazis das jüdisch inkriminierte „Weiße Rössl“ von Ralph Benatzky ersetzen. Und war der Berliner Behörde dann doch wieder nicht recht, weil darin zu viel vom Essen, besonders von „Salzburger Nockerln“ die Rede war. Nun war Fred Raymond ein ingeniöser Schlagerkomponist. Das Lehár Festival Bad Ischl ist klug genug, etliche seiner Erfolgs-Titel in seine Neuinszenierung einzubauen („Ich hab das Fräul’n Helen’ baden sehn“, „Mein Bruder macht im Tonfilm die Geräusche“). Regisseur Gernot Kranner lässt extemporieren – und schlägt so dem in der Operette untauglichen Grundsatz der Komponistentreue ein Schnippchen. Den Darstellern hat er vorgesagt, die Leute hätten nur dann Spaß, wenn sie selber Spaß haben. Es ist eine der erfreulichsten und kurzweiligsten Operettenausgrabungen der letzten Jahre – bereits unter neuem Intendanten Thomas Enzinger. Schaut auf diese Nockerln. Geht nach Ischl! Nächstes Jahr mit Paul Abrahams „Blume von Hawaii“.
Im Café Imperial, der wichtigsten Vorglüh-Stelle vor Wiener Konzertbesuchen, denken wir heute übers Vorspiel nach. Wozu Proben gehören. Drei bis vier sind bei Sinfoniekonzerten normalerweise üblich. Probenverächter wie der Dirigent Hans Knappertsbusch verzichteten gern ganz. Furtwängler, ein ökonomischer Prober, ließ vor allem die Übergänge spielen, vertraute sonst aber dem Live- Moment. Bei Claudio Abbado waren sich Musiker bei Proben oft nicht im Klaren, was der Dirigent wolle. Er beobachtete das Orchester, um zu wissen, wie er am Abend reagieren müsse, und wurde so einer der besten Live-Dirigenten seiner Zeit. – September, ein schöner Reise-Monat für Wien, ist klassischer Proben-Monat. Ansonsten: ‚Vorsaison‘. Die Wiener Orchester befinden sich noch im Urlaub. Oder feiern vereinzelt ihre Saisoneröffnung (Wiener Philharmoniker am 12.9., Wiener Symphoniker am 22./24.9., beide im Konzerthaus). Der Musikverein wird mit Christian Thielemann und der üblichen Beethoven- Bruckner-Büchse erst langsam wach (Sächsische Staatskapelle, 8./9.9.). Die Wiener Staatsoper probt für Prokofjews „Der Spieler“ (ab 4.10.). Ob sich die sibirische Elena Guseva wohl als gute Polina entpuppen wird? Wir raten, Besprechungen abzuwarten. Auch im Theater an der Wien lässt man es mit einer neuen „Zauberflöte“ ruhig angehen. Torsten Fischer ist kaum mehr als eine Regie-Notlösung. René Jacobs, der zu einem seiner großen Erfolgsstücke zurückkehrt, ‚deckelt’ seit einigen Jahren die Besetzungen. Dennoch, Sophie Karthäuser dürfte eine gute Pamina, Daniel Schmutzhard ein erneut exzellenter Papageno sein (ab 17.9.).
Das alles haut uns noch nicht vom Hocker. Es zeigt, dass Wien als Musikstadt so superior und selbstbewusst ist, dass man die Zügel auch mal schleifen lässt. Ins Zeug legt sich vor allem die Volksoper, die unter Intendant Robert Meyer in den letzten Jahren einen erfolgreichen Konsolidierungskurs fuhr. Gutes Haus! In dem sich im Zweifelsfall gern der Hausherr selbst als Darsteller in die Bresche wirft. Genau dies unterlässt er freilich in Jule Stynes Musical „Gypsy“ – über eine Ex-Stripperin, die ihre Tochter im Vaudeville groß herausbringen will. Die Stück-Wahl verrät Ehrgeiz. Ursprünglich ein Vehikel für die grelle, grandiose Ethel Merman, ist „Gypsy“ eines der großen Broadway-Meisterwerke, die bei uns zu kurz kommen. Man braucht eine Wuchtbrumme im Zentrum. Die hat man sich in Gestalt von Maria Happel vom Burgtheater ausgeborgt (ab 10.9.). Sie probt schon. Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2017



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