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Tatzen auf Tasten (c) Pexels/pixabay.com CC0

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Katzen mögen Händel

Dass Musik, egal ob Beethoven oder Grönemeyer, unseren Gefühlshausalt beeinflusst, ist ein seit vielen Jahrhunderten erforschter und belegter Allgemeinplatz. Man braucht sich dazu nur noch einmal die historischen Tonartencharakter-Studien aus der Feder namhaftester Musiktheoretiker vorzunehmen, um einen kurzen Überblick über die Kraft von Musik zu bekommen. In seiner „Aesthetik der Tonkunst“ attestierte Ferdinand Gotthelf Hand etwa der Tonart D-Dur, dass sie einen männlich klaren Blick aufs Leben fördere. Und während Schubart in seinen „Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst“ Es-Dur als Ton „der Liebe, der Andacht, des traulichen Gesprächs mit Gott“ beschrieb, war G-Dur für Jean Rousseau „geeignet für das Zärtliche“. Doch auch damit scheint noch längst nicht alles gesagt worden zu sein, wie jetzt gleich drei veröffentliche Studien über die Wirkung von Musik nicht nur auf zweibeinige Lebewesen belegen. So haben etwa die Forscher des Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften nachgewiesen, dass Klänge auch die Wahrnehmung von Berührungen beeinflusst. „Wir haben beobachtet, dass wir Berührungen umso verführerischer erleben, je betörender wir die Musik empfinden, die wir dabei hören“, so Studienleiter Tom Fritz. „Bestimmte Merkmale der Musik scheinen sich demnach auf den Berührungsreiz zu übertragen.“ Übersetzt heißt das: Wer romantische Musik hört, empfindet sanftes Streicheln als noch sinnlicher. Wer dagegen etwa Heavy Metal hört, empfindet dazu wohl die härtere S/M-Gangart als passend.
Bei der zweiten Studie ging es nicht um das Wechselspiel aus Musik und Tastsinn. Vielmehr haben die Forscher von der Radbout University in Nimwegen und Sam Ferguson von der University of Technology in Sydney in Tests herausgefunden, dass fröhliche Musik ideal für die Steigerung der Kreativität ist. So spielten die Wissenschaftler den Probanten Auszüge verschiedener klassischer Musikstücke vor, die mal fröhlicher, mal trauriger daherkamen. Alle Teilnehmer mussten dabei verschiedene Aufgaben lösen, die ihre Kreativität testeten. Und tatsächlich: wer etwa einen quirligen Satz aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ gehört hatte, hatte originellere Lösungen und Gedanken parat als die Kollegen, die etwa mit Samuel Barbers „Adagio“ eingelullt wurden. Womit wir schon bei der dritten Studie sind, die sich mit den Einsatzmöglichkeiten von klassischer Musik im OP-Saal beschäftigt hat. An der Universität in Lissabon wurden aber nicht zweibeinige Probanden untersucht. Die Veterinärmediziner haben sich für ihre Studie Katzen als Forschungsobjekt ausgesucht. Man wollte wissen, welche Musik sich entspannend auf die Katzen während einer OP unter Narkose auswirkt. Und nachdem man festgestellt hat, dass „die meisten Katzen klassische Musik mögen, besonders Kompositionen von Georg Friedrich Händel“, schlussfolgerten die Studienleiter messerscharf, dass etwa Rock-Musik à la AC/DC nichts im Tierarzt-OP-Saal zu suchen hat. Ins Blaue vermutet dürfte das heißen, dass etwa Schildkröten noch handzahmer sind, wenn man sie während eines Eingriffs mit der Slow-Motion-Musik von Morton Feldman beschallt. Diese These wäre wohl eine vierte Studie wert…

Guido Fischer



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