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(c) Dan Carabas/DG

Camille Thomas

Seufzen, schlürfen, schmachten

Die geborene Pariserin ist die erste Exklusiv-Cellistin bei der Deutschen Grammophon seit 40 Jahren.

Bei Frankreich denkt man zunächst an hohe, zarte Töne und flirrende Atmosphären. Dabei sangen berühmte französische Sängerinnen eher tief und dunkel – von Régine Crespin bis Juliette Gréco. So war auch die französische Cello-Tradition – mit Leu(ch) ten wie Pierre Fournier, Paul Tortelier und André Navarra – durchaus bedeutender als die Violinschule der Grande Nation. Kein Wunder also, wenn die französische Cellistin Camille Thomas schon mit vier (!) Jahren nicht etwa auf die Geige flog, sondern aufs Cello, das damals wesentlich größer war als sie selber.
„Es ist meine erste Erinnerung überhaupt“, erzählt die am 29. Mai 1988 geborene Pariserin – in gutem Deutsch. „Ich hörte einen Satz aus den Cello-Suiten von Bach, und es waren die tiefen Töne, die bei mir sofort durch und durch gingen.“ Eine „körperliche Erfahrung und ein Schock“ sei das gewesen. Später erfuhr sie, dass es sich bei dem Schallplatten- Interpreten um Pablo Casals handelte: Berühmt für seinen schürfend grummeligen, die Magenwände massierenden Erdton. „Das Cello ist eine physische Erfahrung für mich“, so Thomas heute. „Die tiefen, tief eingehenden Töne liebe ich ganz besonders.“ Das hört man auch.
Thomas ist die erste Cellistin seit 40 Jahren, „die beim gelben Label exklusiv unter Vertrag ist“. So sagt es die Deutsche Grammophon. (Einzige Vorgängerin war die früh verstorbene Anja Thauer.) Dabei mangelte es auch in diesen Jahrzehnten nicht an großen Interpretinnen, von Natalia Gutman bis Jacqueline du Pré. Einst galten Cellistinnen hingegen als verpönt; weil man, um das Instrument bedienen zu können, die Beine öffnet.
Musikalisch sieht sich Camille Thomas in der Tradition der großen ‚Bauch-Musiker’, die eher intuitiv agierten, neben du Pré etwa die Geigerin Janine Jansen oder Pianist Fazıl Say (der ein Cello-Konzert für Thomas komponiert). „Man muss versuchen, die Musik in den Körper hineinzukriegen“, sagt sie. Cello zu spielen „wie ein Schauspieler“ sei dabei eigentlich ihre Art, „nicht nachzudenken“. Auf der Bühne wandle sie sich in „ein anderes Tier“. Und werde ihre größte Schwäche los, die sie prompt benennt: „Ich bin entscheidungsschwach.“ Sie denke über alles und jedes viel und gerne nach. Außer auf der Bühne.

Mit Lust in die Extreme

So wie man eine Sprache auch immer am Besten in dem Land lernt, wo sie gesprochen wird, so hat man sich mit Camille Thomas für ihr erstes Album beim neuen Label auf Werke ihrer französischen Heimat verständigt – weil’s idiomatischer wird. Und die Rechnung geht auf: Das vom Nationalorchester Lille fein begleitete 1. Cello-Konzert von Camille Saint-Saëns seufzt, schlürft und schmachtet bei ihr ganz herrlich. Daneben steht als zweites, unbekannteres Saint-Saëns-Werk die Suite für Cello und Orchester op. 16b. „Ich habe das Stück durch eine CD von Steven Isserlis kennengelernt, die schon lange vergriffen ist“, so Thomas. Und legt außerdem noch die Arie der Dalila aus Saint-Saëns’ großer Oper „Samson et Dalila“ drauf. „Da habe ich gar nichts arrangieren müssen, sondern spiele einfach die Gesangsstimme.“ Das Ergebnis klingt ebenso herb wie schön.
Denn auch bei dieser Cellistin kommt die Begeisterung für strenge, geradezu ‚männlich’ auftrumpfende Interpretationen von ihrer Bewunderung für gewisse Vorgänger. „Mein großer Cello-Held ist: Mstislaw Rostropowitsch“, so Thomas. „Sein Herz war im Klang, sein Vibrato ist das intensivste.“ Er sei in einer Weise extrem gewesen, die es bei uns heute nicht mehr gibt. „So ähnlich, wie es bei uns keine Dostojewski- Charaktere gibt.“ Die Extreme seien ihr immer besonders wichtig. „Ich will alles geben – und zwar sofort“, so Thomas. Auch eine Trennung von Beruf und Leben komme für sie nicht in Frage. „Ich bin auf der Welt, um Musik zu schaffen. An allem mag ich zweifeln, aber daran nicht.“
Um das alles zu lernen, studierte sie in Deutschland – an der Berliner Eisler-Hochschule bei Frans Helmerson. „Mir war sofort klar, dass er ein großartiger Pädagoge ist“, so Thomas. „Er sagte niemals etwas Konkretes. Man musste selbst herausfinden, woran es haperte.“ Einmal gab er ihr den Rat, auf Wettbewerbe eine Weile zu verzichten, um „die eigene Persönlichkeit nicht zu verlieren. Das war ein ausgezeichneter Rat!“ Andernfalls hätte die Gefahr bestanden, „dass man es allen Recht machen will“.
Um den eigenen Weg zu finden, hat Camille Thomas auch noch „Introduction, Prière et Boléro“ von Jacques Offenbach, der ursprünglich Cellist war, aufs Programm ihres neuen Albums gesetzt. Nicht fehlen dürfen außerdem die berühmte „Barcarolle“ aus „Hoffmanns Erzählungen“ (mit Nemanja Radulović als Geigen-Zuträger) und das Lied „Je suis brésilien“ aus „La vie parisienne“, gesungen von Rolando Villazón. Eine kleine Hommage: In Villazóns Sendung „Stars von morgen“ war Thomas schließlich erstmals einer breiteren Öffentlichkeit aufgefallen. Und anschließend von ihm weiterempfohlen worden.
Eigentlich unnötig zu erwähnen, dass es sich bei Camille Thomas auch um eine außerordentlich schöne Frau handelt. „Ausstrahlung ist wichtig“, sagt sie einfach. „Noch wichtiger ist, dass ich dieselbe bleibe und mich vom Beruf nicht verbiegen lasse.“ Deswegen hat sie auf ein betont natürliches, beinahe unauffälliges Cover-Bild für ihr Album Wert gelegt. Andererseits: „Es ist ein Bühnenberuf – und die Leute gucken auch!“ Wohl wahr: Verstecken können war gestern.

Neu erschienen:

Camille Saint-Saëns, Jacques Offenbach

Saint-Saëns & Offenbach

Camille Thomas, Orchestre National de Lille, Alexandre Bloch

DG/Universal


Kniegeigen-Klassiker

Durch den „Schwan“ („Ly cygne“), eine aus dem „Karneval der Tiere“ extrahierte Cello-Kantilene, darf Saint-Saëns als Kniegeigen-Klassiker gelten. Das Cello-Konzert Nr. 1 a- Moll op. 33 (von 1872) ist sein am häufigsten aufgenommenes Solisten-Konzert (dagegen rangiert das 2. Cello- Konzert weit abgeschlagen). Rachmaninow und Schostakowitsch hielten es für das größte Beispiel seiner Gattung. Beste Aufnahmen lieferten bisher Pierre Fournier (1960 unter Martinon), Jacqueline du Pré (1968 unter Barenboim) Paul Tortelier (1974 unter Frémaux), Mstislaw Rostropowitsch (1977 unter Giulini) und Yo-Yo Ma (1980 unter Maazel). Eine eindeutige Referenz für das Werk lässt sich dabei schwer ausmachen, jede Aufnahme besticht durch unverwechselbare Vorzüge ihrer Interpreten.


Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2017



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