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Musikstadt

Bergamo

Wochenend-T(r)ip: Bergamo ist schön und pittoresk. Man isst hervorragend, und im November gibt es dazu jetzt auch Donizetti- Leckerbissen.

Eigentlich schade. Da ist Bergamo eine der reichsten italienischen Städte, mit einem günstig gelegenen Flughafen und einer hinreißenden Altstadt samt zwei vollwertigen Theatern à 400 beziehungsweise 1000 Plätzen. Und sie kann sich zudem als Geburts- wie Sterbeort eines der berühmtesten Tonsetzer des Landes rühmen. Doch im Vergleich zu dem, was in Pesaro seit 1980 mit Rossini passiert ist, wie sehr sich musikwissenschaftlich wie aufführungspraktisch der Zugang zu diesem Komponisten und seinem nur in geringen, meist nur in den komischen Teilen überhaupt noch bekannten Werk durch eine Fondazione und in Festival verändert hat, ist in Bergamo in Sachen Gaetano Donizetti bisher wenig geschehen. Zumal auch noch ein weiterer berühmter dirigierender Bergamasker, Gianandrea Gavazzeni, involviert war.
Immer mal wieder hat es neue Versuche gegeben, die während der Saison recht überschaubaren Vorstellungen des Teatro Donizetti mit einem Festival im Spätherbst zu veredeln, auch begleitet von einer kritischen Partiturausgabe. Aber viel Spannendes, Bleibendes gar, ist nicht zu vermelden; obwohl sogar immer wieder CDs und DVDs als Beiprodukte abfielen – meist aber von zweifelhafter Qualität, oft nur für Raritätensammler interessant. Und selbst den wieder mehr in den Fokus gerückten, hier begrabenen Donizetti- Lehrer Giovanni Simone Mayr pflegt man inzwischen an seinem Geburtsort Ingolstadt intensiver.
Seit 1997 führt die zum 200. Geburtstag gegründete Fondazione Donizetti das bescheidene Geburtshaus außerhalb der Mauern der pittoresken Oberstadt. Hier lebte die Familie Donizetti zu siebt in zwei Räumen im Keller (!), bevor der Vater nach elf Jahren eine Anstellung als Pförtner des städtischen Pfandhauses fand, wo man auch wohnen durfte. Seit 2006 gestaltet die Stiftung zudem die Spielzeit des pompösen Theaters, das als gold- und stuckverziertes, typisch italienisches Logenhufeisen nach einem Feuer in der viel großzügiger angelegten Unterstadt 1800 neuerrichtet wurde und 1987, zum 100. Geburtstag des größten Sohnes dieser unbedingt besuchenswerten Stadt, umbenannt worden war.

Ein Juwel in der Lombardei

Bergamo, obwohl jahrhundertelang Spielball zwischen Mailand und Venedig, ist eine reiche Stadt. Man spürt das überall, nicht nur im historischen Zentrum. Da liegen weltliche und kirchliche Macht ganz nah beieinander. Ist man mit der Standseilbahn hinaufgefahren, kommt erst die Piazza Vecchia mit dem mittelalterlichen Rathaus Palazzo della Ragione und dem Stadtturm Torre Civica. Dahinter, auf der Piazza del Duomo, steht links die Cattedrale di Sant‘Alessandro Martire mit Kuppel und klassizistischer Fassade. Darin gib es einen Tiepolo und aufwändig geschnitztes Chorgestühl. In der Kapelle des in der Nähe geborenen hl. Papstes Johannes XXIII. finden sich Bronzestatue und Reliquien.
Das auffallendste Bauwerk auf dem Domplatz ist die Renaissance- Cappella Colleoni, die einem General gewidmet ist. Zwischen Dom und Kapelle liegt das Südportal der ebenfalls opulent ausgestatteten Kirche Santa Maria Maggiore mit den Gräbern Donizettis und Mayrs. Und wer jetzt nicht in einem der zahlreichen guten Restaurants Station machen möchte, um sich an den regionalen Produkten Polenta, Taleggio-Käse oder dem hier typischen Kuchen „Polenta e Osei“ zu delektieren, wird ein paar Straßen weiter unweigerlich auf das schöne Museo Donizettiano stoßen. In der Unterstadt steht zudem mit der kürzlich renovierten Accademia Carrara, die sich ganz aus privaten Nachlässen speist, eine der schönsten, aber immer noch recht wenig bekannten Pinakotheken Italiens.
Die Donizetti Stiftung hat glücklicherweise inzwischen auch das Festival neu aufgestellt. Seit 2015 ist dafür der 45-jährige Francesco Micheli als künstlerischer Leiter verantwortlich, der seit 2012 auch den Opernfestspielen in Macerata vorsteht. Etwas über eine Million Euro hat er als Etat und er ist so ambitioniert wie zielstrebig. Nachdem es vor zwei Jahren einen ersten, erfolgreichen Versuch gab mit der klug besetzten, erstmals ungestrichenen, über viereinhalbstündigen Urfassung der „Anna Bolena“, standen 2016 gleich zwei Donizetti-Opern im Mittelpunkt: das römische melodramma giocoso „Olivio e Pasquale“ von 1827 sowie die 1834 für Florenz komponierte Tragödie „Rosmonda d’Inghilterra“. Beides Raritäten und beide für Bergamo produziert. Flankiert wurde das Ganze von einem Liederabend von Leo Nucci und der lang erwarteten Rückkehr von Riccardo Muti ins Teatro Donizetti, wo er vor 50 Jahren seine Karriere begonnen hatte.
Dieses Jahr ist das Teatro Donizetti leider wegen Renovierung geschlossen. Aber man spielt mit Witz und Fantasie im ebenfalls schönen und bereits sanierten, sonst dem Schauspiel vorbehaltenen Teatro Sociale in der Oberstadt. Dort kann man sehr gut im offenen Dachstuhl auch die Konstruktion des Hauses bestaunen. „È nato il festival!“, ließ Francesco Micheli schon letztes Jahr auf seine Broschüren drucken, dazu wurde Schokolade verteilt. Und wirklich scheint, um den 29. November, Donizettis Geburtstag herum arrangiert, ein Festival wiedergeboren. So ist Bergamo um noch eine Reiseattraktion reicher geworden.

donizetti.org


Ärmel hoch

Da hat sich einer für die nächsten Jahre viel vorgenommen. Denn ab 2017 lässt sich der 200. Geburtstag der ersten Donizetti-Opern feiern. Und deshalb startet Francesco Micheli beim vom 24. November bis zum 4. Dezember abgehaltenen Festival „Donizetti Opera“ mit dem 1816 komponierten, erst 1960 in Bergamo uraufgeführten „Pigmalione“ (ergänzt um „Che originali“, einen weiteren Einakter von Mayr) und „Il borgomastro di Saardam“, was Albert Lortzing als „Zar und Zimmermann“ vertonte. Mit über siebzig Donizetti-Opern könnte das lange so weitergehen ... Dazu gibt es passend Rousseaus „Pygmalion“, Donizettis Messa da Requiem und einen Donizetti/Rossini-Liederabend mit Juan Diego Flórez.


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 5 / 2017



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