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Mit Spaß bei der Sache: Das European Union Youth Orchestra (c) Peter Adamik/euyo.eu

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Time to Say Goodbye

Noch sind die Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU, zwischen Theresa Mays Strategen und den Brüsseler Beamten nicht mal in die heiße Phase eingetreten. Trotzdem hat sich bereits im ersten Jahr nach dem Brexit-Votum im Musikleben Englands einiges getan. So haben sich die Gewohnheitsmahner Daniel Barenboim und Igor Levit berufen gefühlt, bei ihren Londonern Auftritten zu den diesjährigen Proms zu einer Entscheidung Stellung zu nehmen, die an der Wahlurne gefällt worden war. Mehr ins Gewicht fallen dagegen schon jetzt spürbar jene Lücken von bislang in England beheimateten Orchester, die jetzt gezwungenermaßen auf dem Festland ein neues Zuhause suchen müssen. Denn wer auch weiterhin finanziell am EU-Tropf hängen möchte, kann dies natürlich fortan nur in einem Land tun, das weiterhin EU-Mitglied ist. Schon im Frühjahr sorgte somit die Nachricht für Aufmerksamkeit, dass das European Union Baroque Orchestra (EUBO) sein Domizil in Oxfordshire verlassen und nach Belgien, nach Antwerpen umziehen wird. Das Orchester reagierte damit aber nicht nur auf mögliche ökonomische Einschnitte bei einem Verbleib in England. Da die Musiker des EUBO aus insgesamt 14 verschiedenen EU-Ländern stammen, befürchtete man auch organisatorische und logistische Probleme.
Nun folgt dem EUBO das EUYO. Hinter diesem Kürzel verbirgt sich das European Union Youth Orchestra, das 1976 nach einem Beschluss des europäischen Parlaments gegründet worden war und seitdem mit Pultgranden wie Claudio Abbado, Leonard Bernstein und Simon Rattle zusammengearbeitet hat. Rattle war es auch, der noch 2016 zusammen mit den Symphonikern des Bayerischen Rundfunks gegen eine anvisierte Schließung des Jugendorchesters protestiert hatte. Nachdem tatsächlich das Ende des EUYO noch abgewendet werden konnte, steht 2018 eine grundsätzliche Luftveränderung ins Haus. 40 Jahre war das Orchester, das von der EU-Kommission und vom Europäischen Parlament unterstützt wird, in London ansässig. Im nächsten Jahr zieht man dann mit Sack und Pack in die norditalienische Stadt Ferrara um. Es mache schließlich keinen Sinn, den Sitz des Orchesters außerhalb der EU zu haben, sagte der Geschäftsführer des EUYO, Marshall Marcus, dem britischen „Guardian“. Man könne keine EU-Fördermittel beantragen, wenn man nicht in einem Mitglied der EU zuhause sei. Mit dem Abschied wird aber zudem noch ein weiteres Zeichen gesetzt. Denn spätestens, wenn der Brexit amtlich ist, werden dem EUYO keine britischen Musiker mehr angehören dürfen. Da sind die Eurokraten stur und beinhart.

Guido Fischer



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