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Nächster Halt: Nürnberg - Joanna Mallwitz (c) Nicolas Kroeger/joannamallwitz.com

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Dirigentenopas und eine Pult-Enkelin

Die Abstimmung mit den Publikumsfüßen sagt schon einiges über die Klasse und den Stellenwert eines Orchesters aus. Und da kann das Berliner Konzerthausorchester mehr als nur zufrieden sein. Zumal man immer wieder Projekte erarbeitet, mit denen man neue Hörerschichten gewinnen kann. Dazu gehören etwa die „Mozart-Matineen“, die „Mittendrin-Konzerte“ sowie die „Espresso-Konzerte“. All diese Formate fand nun auch die Deutsche Orchester-Stiftung ziemlich überzeugend und spannend. Und so geht jetzt der erstmals von ihr vergebene, mit 10.000 Euro dotierte Preis „Innovatives Orchester 2017“ an das Konzerthausorchester. Glückwunsch.
Doch bereits kurz nach Bekanntgabe scheint man am Gendarmenmarkt diesen Titel schon gleich wieder aufs Spiel setzen zu wollen. Denn wie es inzwischen die Spatzen von den Bäumen gepfiffen haben, soll 2018 Christoph Eschenbach den scheidenden Kollegen Iván Fischer auf dem Chefdirigentensessel beerben. Bei dieser Nachricht reibt man sich schon leicht verwundert die Augen. Eschenbach gehört nämlich nicht gerade zu jenen prominenten Dirigenten, denen man ausgeprägtes Innovationspotential attestieren möchte. Im Gegenteil. Obwohl er im Laufe seiner langen Karriere hauptamtlich namhafte Orchester wie die in Paris, Philadelphia und Washington geleitet und nebenbei auch bei den Wiener Philharmonikern gastiert hat, nahm seine Leistungskurve in den letzten Jahren immer weiter ab. Was auch jüngst erst Kritiker-Kollege Kai Luehrs-Kaiser mit eigenen Ohren miterleben konnte, als er im rbb über Eschenbachs Dirigat beim Deutschen Symphonie-Orchester berichtete und sich dabei auch auf die brodelnde Gerüchteküche bezog: „Zum Konzerthausorchester passt er überhaupt nicht. Man kann nur hoffen, dass sich das Gerücht als leer erweist.“ Anscheinend kommt es aber nun doch wie kolportiert: Im gestandenen Mannesalter von 78 Jahren wird Eschenbach nächstes Jahr seine neue Lebensaufgabe übernehmen. Womit wir bei der zweiten Personalie dieser Woche sind. Im Wunschkandidatentopf der Dresdner Philharmonie schwimmt in der Poolposition kein Geringerer als Marek Janowski. 2019 soll er die Nachfolge von Michael Sanderling antreten. 80 Jahre alt wird Janowski dann sein.
Nichts gegen Erfahrung und Altersweisheit. Aber auch in diesem Fall muss die Frage gestattet sein, warum man sich in diesem hohen Alter noch einmal binden muss. Klar. Solche Anfragen schmeicheln dem Ego. Doch selbst, sollte man sich damit nicht eines erfüllten und finanziell ertragreichen Jetset-Lebens als namhafter Freelancer blockieren, so versperrt man doch nachfolgenden, gleichermaßen erfahrenen Dirigentengenerationen einen weiteren Aufstieg auf der Karriereleiter. Wie man es richtig macht, belegt da die dritte News zum Thema „Personalwechsel am Pult“. In Nürnberg wurde gerade Dirigentin Joana Mallwitz als neue Generalmusikdirektorin des örtlichen Staatstheaters vorgestellt. Mit der Spielzeit 2018/19 folgt die aktuelle Generalmusikdirektorin des Theaters Erfurt dem Kollegen Marcus Bosch. Und mit dann 32 Jahren spielt Mallwitz jene Kompetenz auch auf sinfonischem Gebiet aus, die sie bisher bei Gastspielen etwa bei den Göteborger Symphonikern, der Kremerata Baltica sowie – ganz genau – bei der Dresdner Philharmonie unter Beweis gestellt hat.

Reinhard Lemelle



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