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Philippe Herreweghe (c) Michiel Hendryckx

Café Imperial

Unser Stammgast im Wiener Musiker-Wohnzimmer

Seit der Rückverwandlung des Theaters an der Wien in ein Opernhaus hat sich der Wiener Musical-Markt regionalisiert – und leicht provinzialisiert. Durch Lokal-Stoffe wie „Schikaneder“ und „Rudolf – Affaire Mayerling“ geriet das genuin Amerikanische des Gewerbes in den Hintergrund. Die Folge: mäßige Auslastung selbst trefflicher Klassiker-Produktionen an der Wiener Volksoper. Frank Loessers meisterliches „Wie man Karriere macht, ohne sich anzustrengen“ wurde immerhin treu und tapfer noch einmal wiederaufgenommen (noch 24.11., 5., 13.12.). Jule Stynes gleichfalls großartige „Gypsy“ funktioniert am Box-Office nur dank der vom Burgtheater importierten Maria Happel. Die schaltet auf Schnellsprech, stemmt die Arme in die Hüften und gibt eine Art Trümmertussie deluxe. Wir meinen es lobend! Geschenkt, dass Bühnenbildner Stephan Prattes zu sehr aufs Budget achten musste. Das Meisterwerk zündet durchaus. Nur dass in Wien ein leichter Musical-Überdruss eingekehrt ist. Wir glauben nicht, dass das an zu viel Musical liegt. Eher an zu wenig.
Im Café Imperial, der edelsten Musiker-Herberge von Wien, trafen wir einst Riccardo Muti. Er hatte extra einen Salon im 1. Stock angemietet – wo er rauchen durfte. Auf die erstaunte Feststellung, dass er sich die Barockmusik von jüngeren Spezialisten nicht streitig machen lasse, antwortete er: „Sollte ich?“ Auf meine Unkenntnis, dass er an der Scala auch Wagner dirigierte, meinte er kleinlaut: „Vielleicht war es auch nicht so wichtig …“ Auf meine Mitteilung, Elīna Garanča halte ihn für schüchtern, erschrak er: „wirklich?!“ – Die Welt der Klassik ist eine Welt der Altmeister. Im Musikverein spielen die Wiener Philharmoniker einmal mehr unter Riccardo Muti (8. – 10.12.), der anschließend auch noch das Neujahrskonzert leiten darf (30.12. – 1.1.18). Nach dem Berliner Motto: „Nehm’n se ’n Alten“. Mit Martha Argerich (76) und Daniel Barenboim (75) laden sich die Wiener Philharmoniker zuvor sogar zwei Senior- Granden zugleich ein – und können ihr Programm so fünf Mal hintereinander spielen (24. – 26., 28.11. im Musikverein, 29.11. im Konzerthaus). Mariss Jansons (74) kann mit dem BR-Orchester von Wien nie lassen (26. – 27.11.). Um mit Muti zu sprechen: Sollte er? – Nein, nein. Ein in die Jahre gekommenes Wunderkind wie Evgeny Kissin (46) holt erst jetzt, bei seiner ach wievielten Rückkehr an die Donau, zu einem Kammermusik- Abend aus (mit dem Emerson String Quartet, 26.1.). Und Cecilia Bartoli (51) paart sich erstmals mit einer Cellistin (Sol Gabetta, 12.12., sämtlich im Musikverein). – Im Konzerthaus geht es nicht unbedingt jünger, aber bunter zu. Philippe Herreweghe hat mit der C-Dur-Messe und der Chorfantasie (mit Kristian Bezuidenhout, 27.11.) Kassengiftiges von Beethoven aufgetan. Das Huelgas Ensemble ist ohnehin Spezialistenkost (21.1.). Wynton Marsalis setzt ein – durchaus unalltägliches – Benny Goodman-Special aufs Programm (30. – 31.1.) Grigory Sokolov besinnt sich auf Haydn und Beethoven (6.12.). Den goldenen Mittelweg, alten Wein in neue Schläuche zu füllen, beherzigen die Opernhäuser. An der Wiener Staatsoper wird die alte „Lulu“ von Willy Decker, die bereits 2000 von Paris übernommen wurde, als Premiere ausgegeben (in der Cerha-Fassung mit 3. Akt, ab 3.12.). Das Theater an der Wien glaubt mit einer „Ring- Trilogie“ dem Original Wagners eine neue Form geben zu müssen (Regie: Tatjana Gürbaca, ab 1.12.). Danach endlich folgt hier mit Donizettis „Maria Stuarda“ eine Neuigkeit. Mit Marlis Petersen, inszeniert von Altdiven- Tröster Christof Loy (ab 19.1.). Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2017



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