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Wozzeck an der Deutschen Oper am Rhein (c) Karl Forster

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Der „Wozzeck“ Alban Bergs hat ja immer Konjunktur, aber dieses Jahr haben sich das berühmte Werk gleich vier bekannte Opernregisseure vorgenommen. Walikowski in Amsterdam und Kentridge in Salzburg haben wir schon gesehen, aber wir haben immer noch nicht genug. Soldaten sind bei Robert Carsen im Theater an der Wien überpräsent, auf seiner leeren Bühne herrscht Gegenwart und Überzeit. Abfallende Wände, dazwischen schnell neue Schauplätze freigebende Brechtgardinen. Und wenn Wozzeck im Teich versinkt, dann tut er das zwischen Soldatenkörpern. Am Ende reitet das gänzlich verlassene Kind auf einem Gewehr allein ins Nichts.
Karg und klar ist das, direkt aus den Personenkonstellationen entwickelt. Und alles im gleichen Tarn-Look. Selbst das Klavier im Wirtshaus ist so bemalt, und auch das Camouflage- Etui, das die Fixerin Marie für ihr Rauschgiftbesteck bereithält. Leo Hussain dirigiert kantig eine entschlackte, gehärtete Neuorchestrierung von Eberhard Kloke. Die Wiener Symphoniker verzichten auf Fin-de-Siècle- Schmäh: Wiener Schule als konsequenter Expressionismus. Florian Boeschs erster Wozzeck ist ein Krafttier von einem Mann, doch mit verwundbarer Seele und leisen Tönen. Laut, aber beherrscht ist hingegen Lise Lindstroms Marie.
Ein kleiner Umweg über Paris zu Strawinski. Da dirigiert – ganz selten – im Palais Garnier Esa-Pekka Salonen Ballett, drei Werke. Als einzige Truppe weltweit tanzt das Ballet de l`opéra de Paris nun seit zwanzig Jahren Pina Bauschs „Sacre du printemps“, der ja auch ein Wuppertaler Signaturstück ist. Die 32 Akteure plus die hingebungsvolle Eleonora Abbagnato als Auserwählte haben ihn wirklich in der DNA, interpretieren ihn aber mit ihrem perfekt klassischen Können und ihrer Grazie, gepaart mit Kraft und Erdhaftigkeit inzwischen vielleicht noch besser als die Urtruppe – zumal wenn sie aus dem Graben so feinfühlig aufpeitschend wie zartstimmig begleitet werden.
Davor gab es George Balanchines „Agon“ von 1957, eine witzige, ostentativ langsame Abkehr von der Klassik zu Strawinskis splissig- spröder Musik. Saburo Teshigawara bezieht seine Uraufführung „Grand miroir“ auf ein Baudelaire-Gedicht. Esa-Pekka Salonen lässt es in seinem von Akiko Suwanai makellos vorgetragenen Violin Concerto minimalistisch schwirren und wirren, ebenso die Bühnenprotagonisten. Der graue Mann des Beginns wird freilich von neun monochrom bunt bemalten Mittänzern abgelöst. Marsmenschen bewegen sich solipsistisch kreiselnd und laufen wie in Trance. Das ist dicht und spannend anzusehen.
Und noch ein „Wozzeck“, diesmal von Stefan Herheim in Düsseldorf. Die 90 Minuten Oper laufen ab als der Flashback des Wozzeck innerhalb jener fünf Minuten, die es braucht, bis in einer amerikanischen Todeszelle der staatlich verordnete Giftcocktail den Blutkreislauf erobert hat. Der mal zurückhaltend, mal auftrumpfend herumtigernde Bo Skovhus starrt auf einer Bahre festgeschnallt zunächst neugierig auf die Schläuche. Möge die Hinrichtung beginnen! Die wird vom Düsseldorfer GMD Axel Kober eher durchgewunken, nicht immer sauber, süßlich aufgeschmalzt.
Weil die eigentliche Erzählschicht von einem Sterbenden im Unterbewussten erinnert wird, kann sich Herheim Freiheiten im an sich deutungsdichten Berg-Bau nehmen. So ist die ebenfalls anstaltsrot gekleidete Marie (mütterlich: Camilla Nylund) viel öfters auf der Szene. Manche Bilder laufen inhaltlich simultan ab, andere werden neu gegliedert. Der Todeskandidat, dessen Schuld nicht thematisiert wird, kann so leichter sein „Wir armen Leut‘“ geltend machen, weil er unmenschlich stirbt – vom Justizsystem ermordet.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 6 / 2017



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