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Hausrecht: Der Chor der Sixtinischen Kapelle © Burkhard Bartsch/Governatorato SCV - Direzione dei Musei

Pasticcio

Santa Cecilia!

Als Cecilia Bartoli noch ein ganz normales Gesangstalent war, hat sie sich bestimmt oft in die Touristenschlangen eingereiht, um früher oder später ins Allerheiligste des Vatikans zu gelangen. Und man kann sich lebhaft vorstellen, wie die gebürtige Römerin dann mit ihren Riesenaugen all jene Fresken bestaunt haben muss, mit denen vor 500 Jahren Michelangelo die Sixtinische Kapelle ausgeschmückt hatte. Vielleicht verspürte die junge Besucherin damals ja schon den geheimen Wunsch, irgendwann mal in diesem Prachtsaal mit seiner einzigartigen Akustik zu singen. Seitdem ist die Mezzosopranistin Bartoli bekanntermaßen die Karriereleiter rasant hinaufgeschnellt und zählt zu den weltweit besten Goldkehlchen. Doch erst im Alter von jetzt 51 Jahren hat sie sich ihren Traum von einst erfüllen können: Zusammen mit dem Chor der Sixtinischen Kapelle hat Bartoli jetzt in der Sixtinischen Kapelle ein Konzert gesungen – und damit nebenbei zwei Tabus gebrochen, die offiziell über viele Jahrhunderte in der Männerdomäne Vatikan bestand hatten. Denn bis zu jenem Abend am 17. November 2017 war der Auftritt einer Sängerin hier schlichtweg verpönt. Außerdem hatte sich der Päpstliche Chor in seiner 1400 Jahre währenden Geschichte darauf verständigt, nie mit einer Frau zu konzertieren. Die strengen Regeln sind aber nun dank Bartoli aufgeweicht worden: „Dieses Projekt war eine Idee von Maestro Palombella, dem Direktor des Chores der sixtinischen Kapelle. Er fragte mich, ob ich Interesse daran hätte, mit seinem Chor den französischen Komponisten Pérotin zu interpretieren. Den kannte ich zwar, aber solche Musik habe ich bisher nie gesungen. Palombella hat mich neugierig gemacht.“
Bereits Ende Oktober hatte es einen Vorgeschmack auf das musikhistorische Live-Ereignis gegeben. Auf dem Album „Veni Domine – Advent und Weihnachten in der Sixtinischen Kapelle“ hatte Bartoli mit dem „Beata viscera“ des großen Mittelalter-Komponisten Pérotin einen Gastauftritt. Nun also kam Bartoli, sang und beeindruckte auch den Chor auf ganzer Linie. „Sie war unglaublich“, so Chorsänger Mark Spyropoulos nach dem Konzert im Interview mit dem „Observer“. „Ich bin absolut dafür, dass Frauen Chormusik singen sollten. Es ist fantastisch. Aber oftmals ist es dann eine Frage des richtigen Timbres für diese Art von Musik.“ Egal. Der erste Schritt in die richtige Richtung ist getan. Cecilia Bartoli hat sich jetzt wie im siebten Himmel gefühlt. Und längst vergessen ist auch jener erste, etwas unappetitliche Kontakt zwischen ihr und dem Vatikan. Als man sie nämlich – noch zu Zeiten von Johannes Paul II. – zu einem Konzert einlud, verband man diese Einladung mit der Frage, wie sie es denn mit der Abtreibung halten würde. „Ich war überrascht“, so Bartoli. „Erstens ist das eine sehr private Frage. Zweitens hatte sie nichts mit dem Konzert zu tun.“ Kein Wunder, dass dieses erste Konzert nie stattgefunden hat.

Guido Fischer



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