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Die Preisträgerinnen und Preisträger von D-bü 2017 © www.d-bü.de, Urban Ruths

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Mehr Mut im Konzertsaal

Zu Beginn des auslaufenden Jahres 2017 konnte die Deutsche Orchestervereinigung gleich mit einem Paukenschlag für Schlagzeilen sorgen, mit dem man so gar nicht gerechnet hatte. Es ging mal wieder um die neuesten Besucherzahlen im Klassik-Betrieb. Und wem bis dahin von den hartnäckigsten Kulturpessimisten der drohende Untergang der klassischen Orchesterkonzertkultur wie eine Monstranz vorgehalten wurde, der konnte doch tatsächlich jetzt durchatmen. Denn die Zahlen der DOV konnten eine Trendwende verkünden. So gab es im Vergleich zur letzten Umfrage 2015 ein Plus von 10 Prozent bei den Veranstaltungen von öffentlich geförderten Orchestern und Rundfunkensembles. Und „überraschend ist das Ergebnis im Education-Bereich“, so der Geschäftsführer der DOV, Gerald Mertens damals: „Mit rund 5.100 musikpädagogischen Veranstaltungen haben die Orchester ihr Engagement um mehr als 20 Prozent gesteigert. Damit tun sie enorm viel für das junge Publikum von heute.“
Doch nicht nur mit solchen Nachwuchsförderungsmaßnahmen, bei denen etwa Orchestermusiker in die Schulen kommen, will man dauerhaft das Publikum von morgen generieren. Auch über die Umgestaltung der Präsentationsform will man die entsprechenden Zielgruppen erreichen. Schließlich soll sich doch auch der rituelle, scheinbar stocksteife Ablauf eines klassischen Konzerts irgendwann überholt haben. Sprechen gegen diese These zwar scheinbar weiterhin die Umfragen, so hat sich spätestens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Darbietung immerhin mit der kontinuierlichen Neudefinition des „Klangkunstwerk“-Begriffs ständig verändert. Bei Stockhausen und seinem elektronischen Pionierstück „Gesang der Jünglinge“ bespielten Lautsprecherboxen und nicht mehr Interpreten aus Fleisch und Blut das Live-Publikum. Längst haben Klassik-Festivals auch ausrangierte Industriehallen als hippe Locations entdeckt. Und wie selbst bei einem Orgelkonzert sämtliche liebgewonnenen Gewohnheiten über Bord geworfen können, kann man seit 2001 in Halberstadt/Harz erleben. Dort nämlich wird mit John Cages Orgelwerk „ASLSP“ (So langsam wie möglich) ein Musikstück nonstop aufgeführt, das erst im Jahr 2640(!) verklungen sein wird. Auch mit solchen Klassik-„Events“ kann man also Wege abseits der konventionellen, zumeist auf zwei Stunden + Zugabe beschränkten musikalischen Abendgestaltung gehen.
Auf die Suche nach neuen Konzertformaten haben sich aber auch jüngst zwei Großveranstaltungen gemacht. Bei den Donaueschinger Musiktagen, dieser Traditionsbörse für Ultra-Neues, konnte man etwa ein komplett leeres Konzertpodium bestaunen, da die einzelnen Musiker in Containern ihren Job erledigten. In eine ähnlich ungewöhnte Umgebung versetzte ebenfalls das Solistenensemble Kaleidoskop das Publikum im Rahmen eines „Transit“-Konzerts.
„Mehr Mut im Konzertsaal“ – diesen inoffiziellen Titel hatte sich nun auch die erste Ausgabe eines Wettbewerbs auf die Fahnen geschrieben, der unter dem offiziellen Titel „D-bü“ gerade in Berlin zu Ende gegangen ist. Fünf Tage lang präsentierten da acht Ensembles von deutschen Musikhochschulen außergewöhnliche Aufführungen an ungewöhnlichen Orten (www.d-bue.de). Und in gleich drei Kategorien bewiesen die jeweiligen Gewinner ihren Ideenreichtum. Den Preis für „Originalität“ bekam das Verworner-Krause-Kammerorchester (VKKO) von der Hochschule für Musik und Theater München. In der Jury-Begründung heißt es da: „Beim Nachtkonzert ‚Basic Soul Encoder’ im Radialsystem Berlin entstand die Energie eines Rockkonzertes - körperlich, unmittelbar brach die Musik über uns herein, und die kunstvoll-trashige B-Movie-Ästhetik ihrer Videoarbeit überraschte. Die MusikerInnen des VKKO stellen klassische Rollenbilder von Dirigenten und Solisten spielerisch in Frage.“ Der Preis für den „Publikumserfolg“ ging an das Sopran-Kontrabass-Duo LouLou von der Hochschule für Musik Saar. Und in der Kategorie „Wiederaufführbarkeit“ siegte das STEGREIF.chamber von der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig. „site specific concerts“ nennt das Ensemble das Format, bei dem Werke und Programme erst für den Ort und das Publikum komponiert werden. „Das Konzert der STEGREIF.chamber-MusikerInnen kombiniert das historische Wandel- und Promenadenkonzert mit dem Konzept der site-specificness“, so die Jury. Bei aller Lust und Fantasie, mit der man somit neue Aufführungskonzepte ausprobiert hat, stand aber doch stets ganz am Ende ein Ritual, das seit Jahrhunderten zum guten Ton eines jedes Konzerts gehört – der Applaus.

Guido Fischer



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