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Weckruf der Geschichte: Goldenes Signalhorn © EMAP, Francesco Marano

Pasticcio

Auf den Knochen eines Gänsegeiers

Es gibt sie mindestens in jeder Musikmetropole, diese prächtig ausgestatteten und gut sortierten Instrumentenmuseen, in denen man nach allen multimedialen Regeln der Vermittlungskunst in fern zurückliegende Klangwelten eintauchen kann. Doch meistens umfasst die Zeitreise nur einige Jahrhunderte, stammen wie etwa im Berliner Musikinstrumenten-Museum die ältesten, oftmals schon wurmstichigen Exponate aus dem 16. Jahrhundert. Neben solchen natürlich sehenswerten Sammlungen, die sich auf die Entwicklung der europäischen Kunstmusik spezialisiert haben, gibt es etwa in Museen Vorder- oder Ostasiatischer Kunst auch Möglichkeiten, über den abendländischen Tellerrand hinauszublicken und Instrumente aus fernen Kulturen kennenzulernen. Bisweilen kann man aber auch ganz weit in jene Zeiten zurückreisen, in denen der gemeine Homo sapiens bei sich oder den Kindern eine musische Begabung bzw. ein auffallend gutes Rhythmusgefühl feststellte. In einer Sonderschau, die jetzt im Archäologischen Landesmuseum Brandenburg eröffnet worden ist, kann man so Klangerzeuger kennenlernen, die schon mal locker bis zur Mittleren Steinzeit zurückreichen. „The Sounds and Music of Ancient Europe – 40.000 Jahre Musikgeschichte Europas” lautet die multimediale Wanderausstellung, die noch bis zum 27. Mai in Brandenburg an der Havel zu sehen ist (www.landesmuseum-brandenburg.de). Rund 500 ururururalte Instrumente, die sogar zum Teil noch spielbar sind, werden da ausgestellt. Dazu gehören tönerne Rasseln und Trommeln aus der Jungsteinzeit, imposante Hörner und formschöne Rasselbleche aus der Bronzezeit oder die ältesten bekannten Exemplare einer Holzblockflöte und einer Leier nördlich der Alpen. Zu den Highlights der Schau, die bisher in vier europäischen Städten zu sehen war, gehört zweifellos eine Knochenflöte, die auf der Schwäbischen Alb in Baden-Württemberg gefunden wurde. Knapp 40.000 Jahre alt ist dieser Prototyp einer Querflöte, der aus dem hohlen Flügelknochen eines Gänsegeiers hergestellt wurde. Das aber vielleicht Verblüffendste an dieser archäologischen Musikschau ist, dass die Exponate nicht etwa stumme Zeitzeugen sind, sondern im Laufe der Ausstellungsdauer auch in Konzerten erklingen. So findet etwa am 10. Februar der Abend „Prehistoric Soundscapes – Prähistorische Klangwelten“ statt, bei dem Schwirrhölzer, Schrappern, Klangsteinen und Holztrompeten zu neuem Leben erweckt werden.

Guido Fischer



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