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Jazz-DVDs

Das Ereignis dieser DVD-Saison ist Marc Boettchers Dokumentation Sing! Inge, Sing! – Der Zerbrochene Traum der Inge Brandenburg (Edition Salzgeber). Feinfühlend, ehrlich und beklemmend zeichnet er im Spiegel von Zeitzeugen den immer wieder an Billie Holiday gemahnenden Lebensweg von Europas einst größter Jazzsängerin nach. Dabei werden die zahlreichen Musikdokumente nicht zu Clips verhackstückt, sondern in voller Länge dargeboten. Angesichts der so virtuell wiedererstandenen Sängerin wirken viele der aktuellen weiblichen Jazzgesangsdarbietungen wie ein lindes Säuseln.

Immer häufiger werden DVDs im Doppelpack mit einer CD angeboten. Der Erkenntnisgewinn ist eher gering, wenn die DVD einfach die Musik doppelt – so bei der akustisch durchaus mitreißenden Rock-Jazz-Fusion-Einspielung von Steve Smith and Vital Information, Live! One Great Night (Q-Rious Music). Anders verhält es sich mit der Begleit-DVD zu Return To Forever, The Mothership Returns (Eagle Rock/edel). In Interviews der Mitwirkenden erhellt sich die Sonderklasse dieser„letzten überlebenden richtigen Männerband der 70er-Jahre Fusion-Ensembles“. Auch wenn ein Konzert wie das des Ausnahmebassisten Renaud García-Fons derart kongenial gefilmt ist und die DVD zudem aufschlussreiche Statements des Künstlers enthält, ist die Ergänzung zur CD höchst willkommen, so bei Solo, The Marcevol Concert (Enja/ Soulfood).

Erfreut ist der Musikliebhaber auch, wenn die ergänzende DVD eine Zeitreise in die Vergangenheit verlebendigt. Ein eindrückliches Beispiel sind die frühen Aufnahmen des englische Avantgarde-Saxofonisten John Surman, als er 1969 einen Jazzworkshop des NDR bestritt. Kenny Wheeler war dabei, aber auch Pianist Fritz Pauer aus Wien. Beim Übergang von Coltranescher Modalität zum freien Spiel entstand damals eine eigenständige europäische Idiomatik, zu sehen in John Surman, Flashpoint (Cuneiform/Broken Silence Rune). Ein besonderes Dokument der Weiterentwicklung dieser Idiomatik ist die auf der CD-DVD-Kombination Woodstock Am Karpfenteich (Jazzwerkstatt/ Records) dokumentierte Rückkehr der Jazzwerkstatt an ihre Ursprünge in Peitz im letzten Jahr. Zu DDR-Zeiten richtete sie hier ein legendäres Free Music Festival aus, und nun erklärten sich all die einstigen Recken gereift in Wort und Musik.
An die Rückbesinnung in Peitz erinnert die reine DVD mit Barry Guy und dem London Jazz Composers Orchestra. Auch bei der Aufführung von Guys elf Jahre zuvor entstandenem Werk „Harmos“ erleben wir die Überwindung der Kaputt-Spiel-Phase im Geiste der Free Music. (Barry Guy, Harmos Schaffhausen Konzert, Intakt/harmonia mundi)

In der Attitüde der Free Music verbunden, doch im Herzen mit Mozart unterwegs war das große enfant terrible des Klassikbetriebs, der begnadete Pianist Friedrich Gulda. Beim Münchner Klaviersommer 1982 spielte er zum ersten Mal zusammen mit Chick Corea. Zuerst ist er solo mit einer Folge von eigenen Stücken und einer Mozart-Sonate zu hören und dann, nach Coreas Improvisationen über Monks „Round Midnight“, mit dem Amerikaner zusammen im Duo. Beide hören mit größter Konzentration aufeinander, scheuen kein Risiko beim Zuspiel der reichlich sprudelnden Ideen, und nie ist da ein Funken Angeberei. Alles fügt sich zauberhaft zu einem musikalisch-pianistischen Höchstvergnügen. Acht Jahre später, in der gleichen Veranstaltungsreihe, war die noch junge Jazzorganistin Barbara Dennerlein Guldas Gast. In seinem Soloset spielt der Pianist Mozart mit einer nahezu aufwühlenden Intensität, dafür gerät der Duopart zu hübsch anzuschauenden Blue-Note-Petitessen. Beide DVDs sind vorbildlich produziert: Chick Corea & Friedrich Gulda (Arthaus Musik) und Gulda/ Dennerlein, I Love Mozart and I Love Barbara (Arthaus Musik).

Thomas Fitterling, RONDO Ausgabe 6 / 2012



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