Startseite · Klang · Jazz-DVDs

Neue Jazz-DVDs

Eine gute Musik-DVD lässt den Betrachter die Entstehung der Musik ganz aus der Nähe erleben. Bei klassischen Werken liefert die Partitur den Kompass für die Bildregie. Beim Jazz dagegen muss die Regie die Aufführungspraxis dieses Genres kennen und um die jeweilige Kommunikationsweise der Band wissen. Kurz: Das Bild muss zeigen, wo die eigentliche Musik spielt und welche Interaktionen sie bestimmen. Leider frustrieren immer wieder Jazz-DVDs mit irritierender Diskrepanz von Bild und musikalischem Prozess.

Die neueste Videoproduktion des Pariser Renommier-Jazz- Tempels »New Morning« liefert dafür ein Beispiel. Das Quartett des Meistergitarristen John Scofield war 2010 hochgradig besetzt. Mit bester Spiellaune präsentierte es sich den Club-Kameras an der Seine. Doch die DVD nervt mit unkoordinierter Bildführung und untersteuert aufgenommenen Becken des Trommel-Genius Bill Stewart (John Scofield, New Morning: The Paris Concert, in-akustik 0166478).
Zwei Jahre zuvor hatte die New-Morning-Crew diese Fehler vermieden und das Gastspiel des Larry Carlton Trios adäquat aufgezeichnet. Der amerikanische Gitarrenstar der Studioszene begeisterte mit bester Jazz-/Fusion- Tradition (Larry Carlton Trio, New Morning: The Paris Concert, in-akustik 0166473). Die Vergegenwärtigung verstorbener Jazzlegenden ist etwas vom Vornehmsten, das DVDs zu leisten vermögen. Der 2007 verschiedene kanadische Piano-Titan Oscar Peterson absolvierte 1988 beim ZDF-Jazzclub in Stuttgart einen fulminanten Auftritt mit dem Bassisten Dave Young und dem britischen Schlagzeuger Martin (sic!) Drew. Angesichts der allgegenwärtigen Piano-Trios aus der Bill-Evans-/Keith-Jarrett-Tradition wirkt die artistisch virtuose, energetisch geradeaus swingende Musik Petersons umwerfend erfrischend – perfekt eingefangen ist sie überdies (Oscar Peterson Trio, The Stuttgart Concert, in-akustik 0166479).
Der Big-Band-Leader Count Basie gehörte zu den größten Bewunderern Oscar Petersons. Basie dirigierte nonchalant mit minimalistischen Klaviereinwürfen sein Orchester, das vielen als Inbegriff hippen Big- Band-Swings galt. 1981 wurde der Count mit einer Gala in der Carnegie Hall geehrt. Joe Williams, Sarah Vaughan (sic!), Tony Bennett und George Benson musizierten mit seiner Band. Das Fernsehen war dabei, und ergänzt um prominente Interviews entstand ein Programm, das jetzt als DVD vorliegt. Leider sind Bild und Ton nicht immer makellos (Count Basie Orchestra, At Carnegie Hall, zyx/bhm BHM DVD 09).
Der Geist des frühen Jazz, der einst einen Count Basie und andere Größen hervorbrachte, wird in einem Filmdokument lebendig, das Louis Armstrong 1970 bei den Proben und dem Konzert zu seinem vermeintlichen 70. Geburtstag in Newport zeigt. Ausführlich erläutert Produzent George Wein, wie Armstrong nachträglich zum Zeitzeugen und Kommentator der Aufnahmen wurde (Louis Armstrong, Good Evening Ever’body, Image/Universal 2731402).
Musik einer vollkommen anderen Stilrichtung vermittelt das Weather Report-Konzert 1978 in Offenbach. Die Band von Joe Zawinul und Wayne Shorter spielte als Quartett mit dem Bassisten Jaco Pastorius und dem Schlagzeuger Peter Erskine. »Es ist faszinierend zu hören, wie souverän das Quartett zwischen damaliger Rock-Moderne und Jazznostalgie, zwischen Publikumsbespaßung und ernsthaftem Ausdruck zu vermitteln weiß«, so RONDO -Mitarbeiter Josef Engels über den Audiomitschnitt. Die DVD ergänzt den Klang mit kongenialen Bildern (Weather Report, Live In Of fenbach 1978, Art of Gro/Indigo 959418) Elf Jahre zuvor war Wayne Shorter Mitglied des Miles-Davis-Quintetts, der bislang vielleicht großartigsten Jazzcombo überhaupt. Auf »Miles Davis Quintet, Live In Europe 1967 – The Bootleg Series Vol. 1« (3CDs + DVD Columbia/ Sony 88697 940532) wird die Apotheose von Miles Davis’ Musik bei einer ausgedehnten Europatournee nahezu beklemmend erlebbar. Endlich gibt es diese Aufnahmen in einer Box mit 3 CDs samt einer DVD legal und in restaurierter Fassung.
Ohne die musikalische Sozialisierung durch Miles Davis wären Manfred Eicher und sein 42-jähriges Label ECM nicht denkbar. Die Filmemacher Peter Guyer und Nobert Wiedmer haben den Produzenten einfühlsam bei seiner Arbeit begleitet. Der Mythos ECM wird in ihrem Film erlebund ergründbar und ließe sich so zusammenfassen: Von Manfred Eicher lernen, heißt hören lernen (Sounds and Silence, Unterwegs mit Manfred Eicher, Good Movie/Indigo 855755 Bluray, bzw 855758 DVD). Überhaupt: Kongenial gefilmt sind Jazz-DVDs die lustvollsten Heim-Lektionen im Fach Hören.

Thomas Fitterling, RONDO Ausgabe 6 / 2011



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Da Capo

Wien (A), Staatsoper

Seltsam. Obwohl Francesco Cileas „Adriana Lecouvreur“ als gustiös prototypische Diven- Oper […]
zum Artikel »

Gefragt

Ian Bostridge

„Ich mag keine Tenöre“

Anna Netrebko ist ein Fan von ihm – und von Britten. Tenor Ian Bostridge (48) über den Erfolg […]
zum Artikel »




Top