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Jonathan Nott

Die Mahler-Therapie

Seit Jonathan Nott die Chefposition bei den Bamberger Symphonikern übernahm, hat das Orchester viel von sich hören lassen – im besten Sinne. Der tourneefreudige Klangkörper ist inzwischen in Beijing genauso bekannt wie in Luzern. Dort waren die Bamberger 2007 »orchestra in residence« des Festivals. Ein musikalisches Großprojekt von 2003, die Einspielung der Mahler-Sinfonien, hat im Juli 2011 mit der Aufnahmesitzung zur Siebten Sinfonie seinen Abschluss gefunden – bis heute hat der Mahler-Marathon schon vier Preise vorzuweisen. Jörg Königsdorf traf den frisch vom sinfonischen Höhenzug zurückgekehrten Jonathan Nott und sprach mit ihm über deutschen Klang, sein Mahler-Bild und verschwimmende Grenzen.

RONDO: Mr. Nott, müssen Sie auf Ihren Tourneen immer noch erklären, wer die Bamberger Symphoniker sind?

Jonathan Nott: Immer weniger. Ich glaube, das Paket Nott und Bamberger Symphoniker ist inzwischen bekannt. Die Symphoniker waren zwar immer ein Reiseorchester, aber während sie früher Brahms in Japan gespielt haben, fragt man uns jetzt auch für Mahler in New York und Boulez in Berlin. Und das ist genau das, was ich wollte.

RONDO: Dazu hat vor allem Ihr gefeierter Aufnahmezyklus der Mahler- Sinfonien beigetragen. Was ist für Sie persönlich das Besondere an diesem Zyklus?

Nott: Natürlich spielt jedes Orchester Mahler und es ist fast unmöglich, damit ein Profil zu finden. Aber wenn man zum Beispiel unsere neue Aufnahme der Dritten hört, merkt man dennoch etwas sehr Individuelles. Für mich liegt die Hauptqualität der Bamberger in der Plastizität ihres Klanges und der Intensität der Kantilenen. Die Musik behält bei ihnen immer eine Grundspannung, im Übergang zwischen einzelnen Tönen ebenso wie zwischen Phrasen. Und diese Art zu spielen passt fantastisch zu Mahler.

RONDO: Die Bamberger werden immer wieder als typisch deutsches Orchester bezeichnet.

Nott: Klar, auch wenn jemand behauptet, dass der Klang des Orchesters sich in den letzten zehn Jahren verändert hat, sind die Bamberger ein deutsches Orchester geblieben, Der Klang ist nicht so auf die Oberfrequenzen abgestellt und schießt einem nicht zwischen die Augen, er deutet mehr das innere Feuer der Musik an, als nur ihre Oberfläche zu präsentieren. Denn wenn man nur auf die Obertöne geht: Peng, dann gewinnt man zwar an Brillanz, verliert aber an Ausdrucksmöglichkeiten.

RONDO: Würden Sie diese Klangkultur als Ihren persönlichen Verdienst bezeichnen?

Nott: Eigentlich versuchte ich am Sound der Bamberger ja gar nichts zu ändern – mir gefiel er ja! Aber die Aufgabe, die Bamberger als deutsches Orchester für das 21. Jahrhundert fit zu machen, stellte sich ganz von selbst. Der traditionelle deutsche Orchesterklang ist ja oft sehr vertikal orientiert und geht mehr in die Tiefe als voran. Man hört das gut bei älteren Bruckner- Interpretationen, die die Musik oft quasi stillstehen lassen. Mir ging es immer darum, horizontale Musik zu machen, ohne die Tiefe und das Gewicht zu verlieren.

RONDO: Hat der dunkle Klang ein depressives Mahler-Bild zur Folge? Und deckt sich das mit Ihren Vorstellungen als Interpret?

Nott: Definitiv. Seit einem Jahr habe ich das Gefühl, dass es keine Grenze mehr zwischen dem Musikmachen und meinem Leben gibt. Da bin ich in ziemlich großer Gefahr. Dieser Zyklus ist eine Reise ins Unbekannte – ich merke beim Musikmachen, dass ich gar nicht weiß, wer ich wirklich bin, weil die Musik immer neue Fragen stellt. Deshalb bin ich im Laufe des Zyklus mehr und mehr deprimiert geworden, obwohl ich weiß, dass diese Selbstinfragestellung etwas ganz Natürliches ist. Nehmen Sie die Siebte, die wir jetzt als letztes gemacht haben. Erst neulich, als ich etwas niedergeschlagen war und zur Ablenkung spazieren ging, da hörte ich die zweite Nachtmusik und mit einem Mal merkte ich, dass die Musik genau das spiegelte, was ich empfand: Ich war traurig, versuchte es aber nicht zu sein, und die hemmungslose Schönheit im Stück wurde zu einer riesigen überhellen Wand, die sich wie eine Bedrohung vor mir auftürmte und den Schmerz noch vertieft hat. Wenn man aber positiv gestimmt ist, merkt man das gar nicht.

RONDO: Mahler war ja nicht nur Komponist, sondern auch ein Dirigent, der vor allem deutsche Orchester geleitet hat. Merkt man das an seinen Partituranweisungen?

Nott: Er gibt oft kleine Winke, an denen man die Stücke entschlüsseln kann. Er macht so viele Anweisungen wie kein anderer Komponist, hat aber zu Mengelberg gesagt, dass das ohnehin jeder Dirigent anders machen müsse, weil die Säle unterschiedlich sind. Aber das stimmt eigentlich nicht: Man kann eigentlich alles sinnvoll realisieren, was Mahler vorgeschrieben hat. Ich habe mich mit keinem Komponisten so auseinandergesetzt wie mit Mahler, aber trotzdem habe ich nie das Gefühl, jemals zu einer absoluten, ultimativen Wahrheit der Stücke zu kommen. Das ist eher ein spiegelbildlicher Prozess, bei dem eine Seite die andere bedingt: Ich stelle mir immer neue Fragen, weil die Beschäftigung mit Mahler mich zu einem anderen Musiker gemacht hat.

RONDO: Ein Mahler-Zyklus ist für einen Dirigenten und sein Orchester die Besteigung des Mount Everest. Und was kommt jetzt?

Nott: Man fängt wieder von vorn an. Wie immer.

Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 3

Mihoko Fujimura, Bamberger Symphoniker, Jonathan Nott

Tudor/Naxos

Jörg Königsdorf, RONDO Ausgabe 5 / 2011



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