Startseite · Künstler · Gefragt

Digital Concert Hall

APPetizer

Die Berliner Philharmoniker kann man in die Tasche stecken. Apps für Handy und Tablet machen’s möglich.

Auf den Schirm“, möchte man rufen, wenn man diese Kommandozentrale betritt. Kein Captain Kirk, aber ebensolch hochkonzentrierte Betriebsamkeit. Vier Monitore in Reihe, darüber noch ein extra großer, dazu Pulte mit Reglern und jeder Menge beleuchteter Tasten. Der Unterschied: Hier dröhnt keine Sphärenharmonie aus dem Orbit herein, der Raum ist erfüllt von den filigranen Klängen von Mozarts Sinfonie Nr. 33.
Im Großen Saal der Berliner Philharmonie probt gerade Andris Nelsons für die nächste Konzertserie am Wochenende, und das ist zugleich Stoßzeit für die Arbeit der Digital Concert Hall, dem Online-Konzertsaal der Philharmoniker. Neun Kameras werden hier dirigiert, dazu diesmal auch wieder Einstellungen für die gleichzeitig stattfindende Kinoübertragung eingerichtet. Auf je einem Extrapult wird der gesondert aufgenommene Ton hinzu gemischt und das Farbspektrum überwacht und angepasst. Der Regisseur wirkt ganz entspannt, seine Einrichtung hat er in den Tagen zuvor erarbeitet. Deutlich mehr zu tun haben nun der Kameramann und dessen Assistentin, die die nächste Einstellung in kryptischen Codeworten ausruft: „Jetzt die vier: A7, dann die acht: B3!“ Auf einem erhöhten Bildschirm sieht man Andris Nelsons im Halbprofil dirigieren, ganz auf die Mozart-Sinfonie konzentriert. Ihm gegenüber sitzt im Studio ein Doppelgänger: Die junge Frau hat Partitur und Kopfhörer, dirigiert ebenfalls und zählt dabei Countdowns herunter. „Noch zwölf, noch elf, noch zehn …“ – dann folgt der nächste Buchstabe in der Partitur. Sie leiht der Regie ihren Überblick über das musikalische Geschehen.
Die Digital Concert Hall (DCH) ist noch immer ein Leuchtturmprojekt, obwohl schon im fünften Jahr. „Unser Gründungsmythos ist das Konzert in Taipeh, das zugleich von 20.000 Zuschauern in einer Übertragung vor dem Konzertsaal gesehen wurde“, erinnert sich Tobias Möller, zuständig unter anderem für die Kommunikation der Berlin Phil Media, die als Tochter der Stiftung Berliner Philharmoniker die DCH produziert. „Als Simon Rattle und die Musiker ins Freie traten, wurden sie wie Popstars gefeiert. Da dachten wir zum ersten Mal: Für dieses Publikum müssen wir uns etwas Dauerhaftes ausdenken.“ Nun sind die Philharmoniker sicher kein reisefaules Orchester, aber die Live-Übertragung von Konzerten aus Berlin, also das Streamen per Internet und ein jederzeit verfügbares Online-Archiv klangen 2009 noch eindeutig nach Zukunftsmusik. Dafür vollbringen im Nebenraum, dem ehemaligen Leer-Studio für Fremdaufnahmesitzungen, drei graue Serverkästen ein weiteres technisches Zauberkunststück. Gekühlt auf 18°C, wie ein guter alter Rotwein, läuft hier die Sofortkomprimierung der Filmdaten auf eine Datenrate, die die LiveÜbertragung in HD-Qualität erst möglich macht.
Konzerte werden inzwischen überall auf der Welt gestreamt, aber eine eigene, fortlaufend mit Konzerten versorgte Online-Plattform ist nach wie vor einzigartig. „Natürlich bekommen wir viele Anfragen von anderen Orchestern, die sich für unsere Erfahrungen interessieren. Unser erster Rat: Sucht euch einen Sponsor!“. Aha, von welcher Größenordnung reden wir hier? Nun, man spricht grundsätzlich nicht über die Budgets der Stiftung, aber zumindest mit einer Zahl beflügelt Möller die Fantasie: Die Erstausstattung der Aufnahmetechnik kostete bereits rund 1 Million Euro. Im laufenden Betrieb kommen dazu Möllers zwölf Kollegen im Büro und sechs komplette Aufnahmeteams, die in Rotation die Übertragungen betreuen. Soeben erst wurde die Kameratechnik von Partner Sony auf den neuesten Stand gebracht – zu schnell veralten die Geräte, die sowohl ohne Störung des Publikums und der Musiker, als auch beim unveränderten (dunklen) Saallicht überzeugende Bilder liefern sollen. Eine Partnerschaft, die sich über Jahrzehnte entwickeln konnte, noch aus Zeiten von Herbert von Karajans Technik-Faible und seiner Freundschaft mit dem damaligen Sony-Chef Norio Ohga.
Ist das teure Filmmaterial aber erst einmal produziert, erlaubt es vielfältige Verwertung. Nicht nur die Website der Philharmoniker wertet sich dadurch auf, auch die Social-Media-Kanäle werden mit Trailern anschaulich und attraktiv. Herzstück bleibt aber die Digital Concert Hall. Und die hat nun mit einer eigenen App für iPhone, iPod und iPad neue Nutzungsmöglichkeiten bekommen, auch eine Version für Android ist in Vorbereitung. Denn anders als im Internet kann man hier Konzerte auch ohne Netzzugang verfügbar machen für unterwegs. Und die Bedienung ist wie für Tablets kennzeichnend haptisch und ansprechend: Man wischt sich nach Lust und Laune durch die derzeit 188 Konzerte des Archivs, die Education-Filme und Musiker-Biografien wie durch ein Kartendeck. Fragt sich nur, ob die interaktive Aufbereitung den eigentlichen Inhalt nicht alt aussehen lässt: Den multimedialen Reizen zum Trotz verlangt Bruckners Sinfonie Nr. 6 einmal gestartet mehr als eine Stunde Konzentration – oder den Tap auf die Pausentaste. Gut, Klassik-Liebhaber wird das nicht stören, und in welchem Konzertsaal kann man sich die Höhepunkte des Abends vorab anspielen lassen, um zu entscheiden, ob man bleiben möchte? Zumindest weckt das Medium Internet im Gegensatz zum formalen Rahmen eines Konzertbesuchs keine Berührungsängste. Und wenn es um die Liebe zur Musik geht: Die kann man ja auch mal bei einem Glas Rotwein und im Pyjama ausleben: „Auf den Schirm!“


www.digitalconcerthall.com

Viele Features der Website, wie sämtliche Education-Videos, Künstler-Interviews und Trailer, können kostenfrei genutzt werden. Auch die Apps stehen kostenfrei zum Download zur Verfügung. Die Freischaltung zahlungspflichtiger Inhalte erfordert ein 7-Tage-, Monats- oder Jahresticket oder das DCH-Abo (€ 14,90/Monat).


Carsten Hinrichs, RONDO Ausgabe 2 / 2013



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Testgelände

Pierre Boulez

Der Maître der Moderne

Vor genau 90 Jahren wurde der Komponist, Dirigent und Kulturpolitiker Pierre Boulez geboren. Ein […]
zum Artikel »

Blind gehört

Zuletzt erschienen:

„Nicht alt, nicht neu, es könnte Muti sein!“

zum Artikel »




Top