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Vokal total

Überraschung! So wie es aussieht, muss Händels Werkverzeichnis erweitert werden. Anfang 2007 sind einige Musikwissenschaftler, darunter der Cembalist und Dirigent Ottaviano Tenerani, in der Bibliothek des Florentiner Konservatoriums auf ein Manuskript gestoßen, das man mittlerweile ziemlich schlüssig Händel zuordnen kann. »Germanico«, so der Titel dieser knapp 80-minütigen Serenata, dürfte Händels erstes in Italien geschriebenes Opus sein, entstanden vermutlich bereits 1706. Natürlich sicherten sich Tenerani und sein Ensemble Il Rossignolo die Ersteinspielung. Der Dirigent leistet dabei beste Geburtshilfe, er zeigt Gespür für Stimmungen und lässt das fast handlungslose Huldigungswerk vielfarbig und -gestaltig vorüberziehen. Im Übrigen profitiert das Projekt gehörig davon, dass eine Ausnahmesängerin wie Sara Mingardo die Titelpartie übernommen hat. Da zudem auch in den übrigen Rollen erfahrene und alle technischen Herausforderungen tadellos bestehende Barocksänger aufgeboten werden, steht einem genussvollen Kennenlernen dieses neuen Händels nichts im Wege. (dhm/Sony 88697 860452)

Nur ein Jahr nach dem »Germanico« schrieb Händel mit »Il trionfo del tempo e del disinganno« sein erstes Oratorium, von dem die Londoner Wigmore Hall auf ihrem Hauslabel gerade einen Mitschnitt veröffentlicht hat. Lucy Crowe lässt darauf einen klaren, reinen Sopran mit leichter Höhe und guter Beweglichkeit hören; dem Mezzosopran von Anna Stephany ist im Klang ein angenehmer Schuss Dramatik beigemischt; sehr ausgeglichen und entspannt, allerdings auch emotional etwas eintönig präsentiert sich Hillary Summers; der weiche, etwas ausdrucksschwache Tenor von Andrew Staples erweist sich als nicht sehr sattelfest in den Koloraturen. Christian Curnyn schließlich pflegt am Pult seiner Early Opera Company eine sehr britische Musizierhaltung. (Wigmore Hall Live/ Codaex WHLIVE 0042)

Auf »Il trionfo« folgte ein weiteres Jahr später, also 1708, die Serenata »Aci, Galatea e Polifemo«. In einer Neuproduktion des Werkes demonstriert die bereits erwähnte Sara Mingardo wieder einmal ihren dramatischen Instinkt. Die gebürtige Venezianerin vereint ebenmäßige Tonproduktion mit perfekter Projektion, ihr klangsatter, sinnlicher Alt fühlt sich in hochvirtuosen Arien mit rasanten Koloraturketten ebenso wohl wie in innigen Musiknummern. Und am Pult der Cappella de’ Turchini beweist Antonio Florio einmal mehr, dass er neben Rinaldo Alessandrini der beste italienische »Historist« ist, der Leidenschaft und Hingabe nicht mit Ruppigkeit und Unsauberkeit verwechselt. (Dynamic/Klassik Center CDS 645)

Mit dem neuen »Ariodante« unter Alan Curtis gibt es zum Abschluss noch eine vierte Händel-Aufnahme, die aber eigentlich keine Empfehlung braucht. Die Sängerriege spricht für sich, und dies ist einer der viel zu seltenen Fälle, bei denen sich die CDs genauso gut anhören wie sich die Besetzungsliste liest. Unnötig, auf Joyce DiDonato immer neue Lobeshymnen anzustimmen, auch über Topi Lehtipuus Rang als derzeit bester Barocktenor ist alles gesagt, Marie Nicole Lemieux wirkt mit ihrem pastosen Alt selbst bei verziertem Gesang innerlich beteiligt, Matthew Brook ist einer dieser wie für Händel gemachten beweglichen Bässe, die sich auch vor Allegro-Koloraturen nicht fürchten müssen, und Karina Gauvin hat schon in »Ezio« und »Tolomeo« (ebenfalls unter Curtis eingespielt) ihr beachtliches Können unter Beweis gestellt. (EMI 0708442)

Michael Blümke, RONDO Ausgabe 4 / 2011



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