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Fanfare

Warum nur reizen schreckliche Stücke die alten Männer so sehr, ja mehr noch, stacheln sie zu Höchstleistungen an? So wie Peter Konwitschny (66). In Leipzig als Oberspielleiter nur eine ausgebrannte Regiealtlast, hat er beim erstmaligen Inszenieren in Zürich ausgerechnet aus Leoš Janácˇeks düsterem Gulag-Drama »Aus einem Totenhaus« unerwartet aktuelle Funken geschlagen. Da gab es kein sowjetisches Gefangenenlager, nur eine Mafiosogesellschaft in einer aseptisch weißen Hochhaus-Lounge. Da machte man sich seine eigenen Lagerregeln, war sentimental und brutal, während draußen die Welt im Dauerregen versank. Das berührte auch das reiche Publikum von der Goldküste – man sah sich zur Kenntlichkeit entstellt auf der Opernbühne wieder. Aber dafür versöhnte Ingo Metzmachers fast zärtlicher Umgang mit der schroff-spröden Partitur.
Tags darauf in der Oper Frankfurt. Noch so ein düsteres Ding, »Kullervo«, nach dem düstersten Kapitel des finnischen Nationalepos Kalevala. Baumstammartige Geradlinigkeit, Direktheit, Schwermut. Das sind Dinge, die man den gern selbstmordbereiten Finnen und ihrem nicht enden wollenden nordischen Winter nachsagt. Ein guter Brocken dieses natürlich klischeehaften Nationalcharakters findet sich auch in Aulis Sallinens vierter Oper. Christoph Nel (67) hat sie als nicht enden wollende Entdeckung der Langsamkeit auf die Bühne gewuchtet. Hier wird davon erzählt, wie zwei Brüder ihre Familien auslöschen. Schuld, Inzest, Impotenz, Rache und Mordlust ballen sich zu einer ausweglos dunklen Mischung. Neben einer vielfältig die gesunde Ensemblestärke der Frankfurter betonenden Vokalleistung sorgte vor allem der zielsicher durch Klüfte und Stillstand sein Orchester vorantreibende Hans Drewanz (82!) dafür, dass der ächzende Abend in der Summe dann doch erheblich mehr wurde als nur ein Achtungserfolg. Den »Ring« in Mannheim will Christoph Nel jetzt freilich doch nicht machen, dafür übernimmt Achim Freyer (77) … Letztes Jahr ging es Nikolaus Lehnhoff (72) sehr schlecht. Seine von den Assistenten bestens vorbereitete Salzburger Festspiel-»Elektra« sah er erstmals in der Generalprobe. Eine »Salome«, seine vierte, in Baden-Baden, wurde jetzt zur triumphalen Rückkehr ans Regiepult. Er will einfach nur die Strauss- und Oscar-Wilde-Geschichte spannend erzählen, mit möglichst guten, rollendeckenden Sängern. Seine ein wenig kühle, aber mit glasklarer Stimme aufblühende Sopranprinzessin heißt Angela Denoke. Die presst sich erst verhuscht an die abgeranzten Betonwände im vermüllten Palasthof des Herodes. Jochanaan, großmächtig, aber schlank und textdeutlich von Alan Held gesungen, wird von der Prinzessin aus Judäa erst kindlich bestaunt, dann umworben – für einen Moment scheint es möglich, dass sich beide annähern, sie seine Jüngerin werden könnte. In Salomes Tanz (choreografiert von Denni Sayers), hier mehr eine erzählerische Pantomime, geht es um Erkenntnis, nicht um Anmache. Die Besetzung ist sorgsam durchgecastet, Stefan Soltesz am Pult des lyrisch glühenden, orgiastisch rumpelnden Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin weiß, wie er Akzente setzt, wo er ausholen darf, wo er sich zurücknehmen sollte. Hier sind Profis am Werk, da wird nichts problematisiert und überinterpretiert, hier wird eine meisterliche Oper modern und klarlinig aufgeführt.
An edelstem Ort, in der Opéra royal im Schloss von Versailles, hat William Christie (76) »Atys« wiederbelebt. Jean-Baptiste Lullys Fünfakter von 1676 handelt von einem phrygischen Halbgott, in den sich die Göttin Cybele verliebt, er aber wiederum liebt die Nymphe Sangaride. Das muss tödlich enden. Die 1987 unter Christie nach szenischen Aufführungen eingespielte Oper markierte den Beginn der Renaissance französischer Barockbühnenwerke im eigenen Land. Ein amerikanischer Bankier hat jetzt die Rekonstruktion dieser legendären Produktion in der klug zurückhaltenden Regie Jean-Marie Villegiers finanziert. Für 700 Auserwählte war die klassizistische Opernrotunde die perfekte vierte Bühnenwand. Denn hier wurde eigentlich das Schicksal Ludwig XVI. verhandelt. Christie dirigierte seine Les Arts florissants mit gewohnter Delikatesse; Bernard Richter, Anna Reinhold und Emmanuelle de Negri glänzten in den Hauptrollen.
Bei den Münchner Festspielen wurden nicht die Premieren, darunter Olivier Messiaens »Saint François«, nichtinszeniert von Blutschütter und Eingeweidewühler Hermann Nitsch (72), sondern etwas Altes ein Riesenerfolg – Otto Schenks (81) 39 Jahre junger, aufpolierter »Rosenkavalier«. Dank einer hinreißenden neuen Marschallin (Anja Harteros) und einer Dirigentenentdeckung (Constantin Trinks – sonst Generalmusikdirektor in Darmstadt).
Und in Bayreuth hat man Baumgartens »Tannhäuser«-Premiere in der Biogasfabrik gar nicht gemocht, aber im zweiten Jahr umso mehr Hans Neuenfels’ (70) rättischen »Lohengrin«: Wagners traurigste Oper als elegant ironischer, auch perfider Laborversuch. Klaus Florian Vogts Gralsritter ließ die Erinnerung an Jonas Kaufmann (der übrigens von der Decca zur Sony wechselt) verblassen, und auch Andris Nelsons am Pult hat einen ordentlichen Nagerzahn zugelegt.
Alte Männer auch in Salzburg mit einem düsteren Stück: Doch während Riccardo Muti (70) Verdis blutrünstigen »Macbeth« als orchestrale Feuerwalze knallen ließ, sorgte Regiereaktionär Peter Stein (73) im Breitwandformat der Felsenreitschule vor allem mit Mannenmassen in rumpelnden Rüstungen für Kiefersfeldener Ritterspiele-Reminiszenzen.

Roland Mackes, RONDO Ausgabe 4 / 2011



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